Hier kommt Bobby oder Leinen los in Timmendorfer Strand

Es ist viel los an diesem Samstag im Februar, der sich mehr nach Frühling als nach Winter anfühlt. Auf der Promenade, die kilometerlang die Seebäder Scharbeutz und Timmendorfer Strand in der Lübecker Bucht verbindet, liebt man es zu flanieren. Sehen und gesehen werden, das Meer stets im Blick, ist hier die Devise.

Teilweise auf Holzplanken geht es am Strand entlang.
Villen, einige noch aus der Gründerzeit säumen die Promenade.

Bobby läuft erstaunlich ruhig neben mir. Vor einiger Zeit war das angesichts so vieler verschiedener Außenreize noch undenkbar. Er hat sich verändert. Aber nicht ganz. Der Labrador, der frei laufend vor Bobby die Promenade quert, wird gewohnheitsgemäß weggebellt. Das fröhliche hüpfende Kind ebenso. Nach Bobbys lautstarker Ansage hüpft das Kind nicht mehr. Langsam geht es mit gesenktem Kopf und aus den Augen ganz vorsichtig schräg von unten Richtung Bobby schielend, zu seinen Eltern. Bobby ist zufrieden, seine Ordnung wiederhergestellt. Er ist doch noch der Alte, und ich verfluche ihn jedes Mal, wenn er so ist. Aber ich versuche meine Wut auf Bobby nicht zu zeigen. Ich atme ein und ich atme aus. Ich blicke auf das Meer, über dem gerade die Sonne versucht, durch die Wolken zu brechen. Auch ich habe mich verändert.

Eine der zwei Seebrücken von Timmendorfer Strand

Lübecker Bucht im Winter: Leinenfrei mit Hund auf 55 Kilometer Strand

Der Winter ist die perfekte Reisezeit für die Ostsee, wenn man mit Hund unterwegs ist. Hier an der Lübecker Bucht ist vom 1. November bis 1. April an allen Stränden die Leinenpflicht aufgehoben. Zwischen Travemünde und Dahme sind das 55 Kilometer Strand. Ach, wie schön ist es in dieser Zeit mit seinem Hund über den Strand zu spazieren und gemeinsam Spaß zu haben. Nicht so mit Bobby. Unsere Freilaufversuche endeten meist in Chaos, Panik und Peinlichkeiten. Kaum Sand unter den Pfoten, drehte Bobby völlig durch. Unkontrolliert und kopflos wurde er zu einer Gefahr für andere Menschen, Tiere und sich selbst. Ich war in diesen Situationen für Bobby nicht mehr existent und erntete von den anderen Strandbesuchern regelmäßig Unverständnis bis Mitleid. Verschämt zog ich von dannen und war hin und her gerissen zwischen Traurigkeit darüber, dass ich nicht so viel Spaß mit meinem Hund haben kann und dem Gefühl des Versagens über meine augenscheinlich gescheiterte Erziehung. Trotzdem fahren wir immer wieder an das Meer. Weil es einfach so schön ist.

Bobby und das Meer – keine Liebe auf den ersten Blick

Heiligenhafen und Weissenhäuser Strand: Die Schönste und der Hässlichste!?

Wir schätzen Scharbeutz im Winter wegen der guten Infrastruktur und Erreichbarkeit. Hier ist das ganze Jahr über Saison. Restaurants und Geschäfte haben geöffnet. Von Ausgestorbenheit, wie man es in anderen Urlaubsorten im Winter erleben kann, ist hier nichts zu spüren. Tagsüber gehen wir jedoch meist auf Entdeckungstour entlang der Küste oder auch ins Hinterland. Und manchmal hat die Ortsbeschreibung „hässlich“ eine gewisse Anziehungskraft auf mich. Nicht nur weil ich hier ganz besonders wenige Menschen und Hunde vermute, sondern auch die im Versteckten liegenden Kuriositäten oder Besonderheiten. Wenn solch einem vermeintlich hässlichen Ort gleich ein ganzer Blogartikel auf einem meiner Lieblingsblogs gewidmet ist, dann macht mich das auf jeden Fall neugierig. So schreibt Stefanie in ihrem wunderbaren Blog In der Nähe bleiben, dass der Weissenhäuser Strand „der absolut Schlimmste von allen“ sei. Vielleicht wäre ich nicht hingefahren, wenn sich nicht gleich um die Ecke, die von ihr mit dem Prädikat „Platz Nr. 1“ ausgezeichnete Seebrücke von Heiligenhafen befinden würde.

Am ersten Tag unseres verlängerten Wochenendes an der Ostsee fuhren wir nun tatsächlich nach Weissenhäuser Strand. Und dort ist es in der Tat hässlich. Leider aber für viele anscheinend nicht hässlich genug, dass es hier einsam wäre oder sogar verwunschen, abenteuerlich oder irgend sowas. Nein, trotz Nebensaison war diese Retortenstadt aus den 70 er Jahren gut besucht. Ein Spaziergang durch die Wohnsiedlung glich einem Spießrutenlauf. Hinter gefühlt jeder Häuserecke (und davon gibt es hier viele) kamen uns tobende Kinder entgegen. Der Weg vom Großparkplatz zum Strand führte vorbei an Vergnügungspark, Spaßbad und Schnellrestaurants. Bobby war außer sich. Ich konnte ihn verstehen. Nie würde ich hier ob mit oder ohne Kinder Urlaub machen und mit Hund schon gar nicht. Ja, liebe Stefanie, ich hätte dich beim Wort nehmen sollen. Weissenhäuser Strand ist eben nicht (nur) hässlich, sondern wirklich schlimm 😉

Der Strand und die Dünen können ja nichts dafür. Man darf sich halt bloß nicht umdrehen …

Wir flüchteten ein paar Kilometer weiter in den Norden zum Weissenhäuser Schloss und besichtigten die Außenanlagen des stilvoll angelegten 5-Sterne Domizils. Hier fühlte sich Bobby sichtlich wohl. Alles hatte seine Ordnung. Jeder ging brav auf den frisch gerechten Kieswegen und er durfte vor „seinem“ Anwesen posieren. Er hat sich wirklich verändert. Früher wäre Bobby nach einem anstrengenden Ausflug, wie nach Weissenhäuser Strand nachhaltig gestresst gewesen. Mittlerweile scheint für ihn kurze Zeit später die Welt wieder in Ordnung.

Bobby macht das, was er liebt: posieren.

Nach dem Abstecher zum Weissenhäuser Schloss, hieß unser nächstes Ziel Heiligenhafen. Mittlerweile hatten sich die letzten Wolken verzogen. Der Himmel strahlte so blau, wie er das nur im Winter schafft. Die Altstadt und den Hafen ließen wir aus und machten uns auf direktem Weg zur Seebrücke. Weit weg sieht man die Hochhausburg des Ferienzentrums Heiligenhafen. Hier direkt an der Seebrücke ist ein neues Zentrum mit Hotels und Ferienhausanlage entstanden. Aber die Bausünden der Vergangenheit wurden glücklicherweise nicht wiederholt. Alles fügt sich harmonisch und zurückhaltend in die Dünenlandschaft. Und die Erlebnisseebrücke in Heiligenhafen ist wirklich ein Erlebnis. Auf  verschiedenen Ebenen und sogar in einer windgeschützten und überdachten Meereslounge genossen wir das Meer in vollen Zügen. Auch Bobby war entspannt. Die Erlebnisstationen für Kinder waren heute zum Glück wenig besucht.

Was für ein Himmel …
… an der Erlebnisseebrücke in Heiligenhafen.
Das Naturschutzgebiet Graswarder: Ganz hinten sieht man die bunten, denkmalgeschützten Häuser, die zu den begehrtesten und teuersten Immobilien Deutschlands zählen sollen.

Von Scharbeutz nach Timmendorfer Strand flanieren wir einfach mit.

Bereits zum vierten Mal sind wir nun im Winter in Scharbeutz. Aber noch nie sind wir zu Fuß nach Timmendorfer Strand gegangen. Bobby war einer der Gründe dafür. Zu viele Menschen und Hunde tummeln sich hier zu jeder Jahreszeit. Aber manchmal merkt man erst wenn man in die Ferne schweift (zum Weissenhäuser Strand), dass das Gute vielleicht ganz nah liegt (hier in  Scharbeutz).  Nun flanieren wir gemeinsam mit all den anderen Spaziergängern über die Promenade. Auch am Strand ist jede Menge los. Neben Menschen und Hunden sehen wir sogar eine Gruppe von Reitern mit ihren Pferden durch das Wasser galoppieren. Bobby ist sehr interessiert, bleibt dabei aber ruhig und gelassen. Ich fange an, diesen Spaziergang zu genießen. 

Es gibt viel zu sehen …
… in Timmendorfer Strand.
Bausünde oder Wahrzeichen? Das Maritim in Timmendorfer Strand.

Am Hundestrand von Timmendorfer Strand ist alles erlaubt!

Kurz bevor wir unser Ziel, den Hafen von Niendorf erreichen, lesen wir das Schild „Hundestrand“. Im Grund genommen ist dieser Hinweis derzeit unwichtig. 55 Kilometer Strand in der Lübecker Bucht sind im Winter für Hunde freigegeben. Aber Wolfgang hatte witziger Weise beim Anblick des mit einem Zaun abgesicherten Strandabschnitts die gleiche Idee wie ich. „Wer sich hier trotz Leinenfreiheit an der gesamten Küste hinein begibt, muss auch mit einem wild gewordenen Labradoodle rechnen. Hier kann sich Bobby doch mal so richtig austoben!“

Als ich die Leine von Bobby löse und ihn freigebe, versuche ich jegliche Anspannung abzulegen. Sofort sprintet er los. Ein schwarzer Riesenschnautzer, der bis dahin brav am Rande der Dünen gesessen hatte, springt auf und rennt auf Bobby zu. Sein Herrchen fliegt an der Schleppleine hinterher. Ich höre seine Frau aufgeregt rufen: „Lass die Leine los. Der tut doch nichts.“ Das Herrchen zögert und scheint sichtlich genervt, dass er die Kontrolle über seinen Hund verloren hatte. Ich bin kurz davor, mich und Bobby dafür verantwortlich zu sehen, dass die Leute Stress haben. Die beiden erinnern mich an Wolfgang und mich. Wie oft hatten wir ähnliche Diskussionen in unserem hilflosen Wunsch nach Kontrolle über unseren Hund. Aber ich zwinge mich dazu, gelassen zu bleiben. Bobby hatte nichts getan, außer dass er gerannt ist. Das Herrchen vom Riesenschnautzer lässt die Leine los. Die beiden Hunde können und wollen nichts miteinander anfangen. Wir gingen freundlich lächelnd weiter. Bobby folgte uns.

Dann sieht Bobby die Enten auf dem Wasser. Er sprintet erneut los. Kurz bevor ich fast automatisch versuche, das zu unterbinden, reiße ich mich zurück. Wir sind auf dem Hundestrand. Hier darf Bobby auch im Wasser toben. Er läuft auf die Enten zu, springt und hüpft. Schwimmen will (und kann?) er nicht. Die Enten sehen sich das Spektakel unbekümmert an. Sie leben in der Gewissheit, dass ein Flügelschlag reicht, um zu entkommen. Bobby scheint enttäuscht, dass die Enten nicht mitspielen und dreht sich zu uns um. Ich pfeife und Bobby rennt freudestrahlend zu uns. Ich schaue meinen Hund an. Er hat Spaß. Er ist ansprechbar. Nichts ist mehr zu spüren von der früheren Panik, die ihn am Meer und am Strand begleitet hatte. Vielleicht ist diese Zeit bereits länger vorbei. Vielleicht lege ich dieses alte Bild von ihm aber erst jetzt in diesem Moment endgültig ab. Ich packe unsere Dummys aus und verteile sie auf dem Strand. Ich schicke Bobby zu jedem einzeln nacheinander hin. Bobby apportiert vorbildlich und hoch konzentriert. Von der Promenade aus haben wir Zuschauer. Ich bemerke sie und bin voller Stolz auf meinen Hund. Aber ich bleibe ganz bei Bobby, dem besten Hund der Welt.

Glücklich und zufrieden steuern wir unser Ziel, den Niendorfer Hafen und unsere verdienten Fischbrötchen an, bevor es wieder zurück nach Scharbeutz geht. Nach diesem fast 17 Kilometer langen Spaziergang hat sich am späten Nachmittag die Sonne endgültig gegen die Wolken durchgesetzt. Was für eine Stimmung zum Sonnenuntergang an unserem letzten Abend in Scharbeutz! Wir sehen uns wieder – spätestens im nächsten Winter.

Bis bald, Ostsee!

Noch mehr Ostsee mit Hund auf meinem Blog

Lübecker Bucht mit Hund:

Kieler Förde mit Hund:


12 Gedanken zu “Hier kommt Bobby oder Leinen los in Timmendorfer Strand

  1. Liebe Andrea, ich habe mich schon gefreut, als ich nur sah, dass Du über Timmendorf gebloggt hast. (Mir war heute so richtig nach Ostsee.) Aber dann wurde es für mich natürlich noch viel, viel spannender. Vielen Dank. Und was Du immer für ein Glück mit dem Winterwetter in Ostholstein hast!!!! Beim Happy End mit Bobby schwappen ganz schön Emotionen rüber. Schnief. Und liebe Grüße, Stefanie

    Gefällt 2 Personen

    1. Ich kann das gar nicht so richtig glauben, dass es bei euch da oben immer so grau sein soll. Wenn wir da sind, scheint immer die Sonne 😉 Und sehr gerne verweise ich auf deinen Blog, inspiriert er mich doch immer wieder zu neuen (und „besonderen“) Entdeckungen an der Ostsee. Liebe Grüße von Andrea

      Gefällt 1 Person

  2. Hundestrände sind einfach großartig. Und ich mag ja Heiligenhafen sehr. Zum Weißenhäuser Strand aber fahre ich nicht, nicht nach dem, was Stefanie geschrieben hat und jetzt du auch noch. Nee, das muss ja nicht sein. Liebe Grüße

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    1. Liebe Andrea, auf einen Besuch von Weissenhäuser Strand kannst du auf jeden Fall verzichten!! Aber nach Heiligenhafen werden wir auch noch mal fahren. Diesmal haben wir ja nur die Seebrücke gesehen. Die Altstadt soll ja total schön sein und ein Spaziergang im Graswarder steht auch noch an. Liebe Grüße von Andrea

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    1. Ja, das höre ich immer wieder. Bobby ist da leider eher ein Spielverderber. Er regt sich immer mächtig auf bei zu viel Gewusel. Und von Auszeit für mich kann dabei keine Rede sein, weil die anderen Hunde und Menschen teilweise sogar Angst kriegen oder einfach nur genervt sind. Bobby ist halt ein ganz eigener Vogel 😉 Liebe Grüße von Andrea

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  3. Hallo Andrea!
    Ich habe dich für den „Sunshine Blogger Award“ nominiert. Ich würde mich freuen, wenn du Lust und Zeit hast, den Award anzunehmen. Welcher Award das genau ist, erfährst du auf meinem Blog (www.sissilyshome.com) in meinem aktuellen Beitrag mit weiteren 11 Nominierten. Viel Spaß beim Lesen und hab einen schönen Tag.

    Liebe Grüße Gaby 🙂

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    1. Liebe Gaby, vielen Dank für die Nominierung und die vielen leckeren Torten, die mir nicht mehr aus dem Kopf gehen, seitdem ich mich durch deinen Blog geblättert habe! Vielleicht ist es mal wieder an der Zeit für einen Blogger Award, besonders bei dem schönen Titel 🙂
      Herzliche Grüße von Andrea

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  4. Hallöchen,
    wie sehr erinnert mich Bobby an unsere Luna 🙂 wenn es von der Leine geht ist sie nicht mehr zu halten und ansprechbar, bis sie sich 5 Minuten ausgetobt hat 🙂 Die freudestrahlenden Augen machen dies aber wieder Wett.
    Liebe Grüße,
    Arvid

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