Schweißtreibend und atemberaubend – Benediktenwand mit Freunden für’s Leben

Ich bleibe stehen und höre auf einmal die Ruhe, die uns hier oben umgibt. „Wie schön“, sage ich und auch Robert, der hinter mir und Bobby das Schlusslicht unserer kleinen Wandergruppe bildet, blickt weit über das Alpenvorland. Staffelsee, Starnberger See, meine Heimatstadt Penzberg und ganz hinten im Dunst sind wir uns sicher, sogar den Fernsehturm von München auszumachen. „Noch eine halbe Stunde bis zum Gipfel. Wollt ihr denn da noch hoch?“ Wir schauen nach oben, wo ein paar Kehren weiter am Hang Natascha mit ihrem Dackelfräulein Pippa steht. Wolfgang schließt gerade zu den beiden auf. Ohne zu zögern setzen Nataschas Gatte Robert und ich uns wieder in Bewegung. Unsere Schritte knatschen auf den Steinen und mein Atem wird schwerer. Vorbei ist es mit Stille und Fernsicht. Mein Blick bleibt konzentriert auf dem steilen Weg. Wir müssen das Tempo anziehen. Es ist der zweite Tag unserer gemeinsamen Wanderung und es ist Nataschas Geburtstag. Nach dem Gipfel der Benediktenwand und dem Abstieg von über 1000 Höhenmetern zurück ins Tal, steht noch ihre Geburtstagsfeier mit Freunden und Familie an. Vielleicht haben wir uns etwas zu viel vorgenommen für diesen Tag. Aber es ist einfach zu schön hier, um auf irgendetwas zu verzichten zu wollen.

Blick vom Westanstieg der Benediktenwand über das Alpenvorland bis nach München

Urlaub im Jahr 2020: Ankunft in Oberbayern

Vor fast neun Monaten, kurz nach unserer gemeinsamen Zeit während meines Heimaturlaubs in Oberbayern, äußerte Natascha den Wunsch, ihren Geburtstag im Juli 2020 gemeinsam mit unseren Hunden und unseren Männern auf der Tutzinger Hütte am Fuße der mächtigen Benediktenwand zu verbringen. Ich war sofort begeistert von dieser Idee. Dass wir uns aber tatsächlich erst zu diesem Wanderabenteuer wiedersehen würden, das hätten wir damals genauso wenig gedacht, wie wir etwas später kaum mehr daran geglaubt hatten, dass es überhaupt stattfinden könnte. Lange war wegen der Corona Pandemie unklar, ob und unter welchen Bedingungen die Hüttenwirte überhaupt Übernachtungen zulassen würden. Verlassen sollte man sich in diesem Jahr, gerade was Urlaub betrifft, lieber auf nichts. Aber ab Juni deutete dann alles darauf hin, dass unserer geplanten Zweitageswanderung mit Übernachtung im einzigen „Hundezimmer“ der Tutzinger Hütte nichts mehr im Wege stehen würde. Als kleinen Ersatz für die in diesem Jahr ausgefallene Reise nach Wales strickten Wolfgang und ich kurzfristig noch eine Woche Urlaub in Oberbayern rundherum.

Endlich Urlaub!

So kamen wir urlaubshungrig bei strömenden Regen in unserem Hotel im Tölzer Land an. Das sehr einfache Zimmer, die durch dicke Wolken fehlende Aussicht auf die Berge und das gerade aufziehende Gewitter konnten unsere Stimmung nicht trüben. Ich hatte viele Pläne: wandern, bummeln, schwimmen (mein SUP hat leider nicht mehr ins Auto gepasst), Kaiserschmarrn und Weißbier, einfach Urlaub! Wer weiß, wann der nächste kommt?

Als wir von unserer ersten Gassirunde völlig durchnässt wieder im Hotel ankamen, ließ uns so etwas wie ein Soundcheck aufhorchen. Unsere Nachfrage beim Abendessen ergab, dass am nächsten Tag eine schon länger geplante, zwischendurch wegen der Coronaeinschränkungen abgesagte und aufgrund der aktuellen Lockerungen doch wieder erlaubte Geburtstagsparty mit bis zu 100 Gästen und Live Band stattfinden würde. Unsere erschrockenen Gesichter sprachen wohl Bände. „Naja, Sie wären auch die einzigen Nicht-Partygäste. Jetzt, wo Sie es schon ansprechen, wir informieren uns gerne, ob Sie in einem anderen Hotel hier in der Nähe unterkommen können.“ So sagte man uns durch die Blume, dass unser Zimmer (dessen Fenster genau in Richtung des Festsaales ausgerichtet waren) eigentlich auch für weitere Übernachtungsgäste der Party benötigt würde. Wir nahmen das Angebot, uns umzuquartieren, ohne Umschweife an. Dieses Jahr muss man tatsächlich auf vieles gefasst sein.

Bobby begutachtet die Partylocation

Am nächsten Tag regnete es immer noch als wir das Hotelzimmer räumten und unser Auto wieder vollpackten. Das andere Hotel war ab 14 Uhr bezugsfertig. Wir überbrückten die Zeit mit einer Besichtigung des hübschen, kleinen (und sehr verregnetem) Bad Tölz. Ich wollte ja schließlich auch bummeln in diesem Urlaub 😉.

Das neue Quartier entschädigte uns mit einem riesigen und vor allem ruhigen Appartement. Am Nachmittag hörte es auf zu regnen und von unserem Balkon aus sahen wir das erste Mal die Benediktenwand hinter den Wolken auftauchen, was für ein mächtiger Berg und unser Ziel für für die nächsten zwei Tage.

2-Tages-Tour auf die Benediktenwand: Aufstieg zur Tutzinger Hütte

Die Wettervorhersage hatte es angekündigt. Dennoch konnten wir es uns kaum vorstellen. An diesem, seit fast einem Jahr geplanten Sonntagmorgen im Juli schien die Sonne nach tagelangem Dauerregen vom strahlend blauen Himmel. Als wir gegen mittag in Benediktbeuern ankamen, waren alle Parkplätze bereits überfüllt. Alles und jeder wollte an diesem herrlichen Tag in die Berge. Irgendwo fanden wir am Straßenrand noch ein Platz für unser Auto und kurze Zeit später kamen uns auch schon Natascha, Robert und Pippa entgegen. Nach ausgiebigen Gebelle und Gejubel auf allen Seiten anlässlich unseres langersehnten Wiedersehens, starteten wir durch das Lainbachtal in Richtung Benediktenwand. Das Abenteuer begann. Unser Ziel für den ersten Tag: die Tutzinger Hütte. Etwa 10 Kilometer und knapp 700 Höhenmeter trennten uns noch davon …

Oh je! Nach ein paar hundert Metern: Sohlenablösung an Roberts Wanderschuhen. Er fuhr zurück nach München, um andere Schuhe zu holen. Geplanter Treffpunkt am Abend: Tutzinger Hütte.
Die minimierte Wandergruppe kühlte sich erst mal ab …
… und legte die erste Pause an der dekorativen Söldner Alm ein.
Wann kommt der Bus? Nein, das war keine Bushaltestelle, sondern das Schutzhäuschen „Zum Elend“ 😉
Ab dort ging es immer steiler bergauf und ich sah Natascha, Pippa, Wolfgang und Bobby die meiste Zeit nur noch von hinten 😉
Wow, da ist sie, die Benediktenwand – Fotostopp (und endlich wieder eine kleine Verschnaufpause!)
Geschafft!
… die Tutzinger Hütte

Der gemütliche Teil begann und es gab Kaffee und Kuchen. Als Robert von seinem Ausflug nach München gegen späten Nachmittag mit gut besohlten Schuhen eintrudelte, fuhren wir fort mit Spinatknödel und Weißbier. Es wurde Abend, wir hatten viel zu erzählen und die Terrasse der Tutzinger Hütte leerte sich. Die Sonne stand mittlerweile so tief, dass uns im Schatten der umliegenden Berge fröstelte. Nur die steil vor uns aufragende mächtige Benediktenwand wurde noch von der Sonne angestrahlt. Wir machten uns auf den Weg zu einem Abendspaziergang – immer höher, immer der Sonne hinterher, bis wir sie erreichten und ein unfassbar warmes, fast goldenes Abendlicht uns und die umliegende Bergwelt umgab. Spätestens jetzt wusste ich wieder, wofür ich die Strapazen so einer Bergtour mit schwerem Gepäck und Hüttenübernachtung immer wieder auf mich nehme.

Als es dunkel wurde, gab es in der Tutzinger Hütte noch Weißbier mit Weißbier bis es Zeit wurde …
… schlafen zu gehen.

Irgendwann wachte ich auf und als ich die Augen öffnete, sah ich Bobby vor dem tiefen Fenster unseres „Hundezimmers“ im Untergeschoss der Tutzinger Hütte sitzen. Er blickte nach draußen, wo der Tag begann anzubrechen. Ich beobachtete ihn bis er sich wieder hinlegte, um weiter zu schlafen wie alle anderen im Zimmer. Meine Blase drückte. Es dämmerte nun deutlich und ich schnappte mir die Kamera. Der Weg zur Toilette führte über die Terrasse ins Haupthaus. Ich war etwas irritiert, denn gestern Abend schienen die letzten Strahlen der Abendsonne auf die Benediktenwand. Aber auch jetzt am Morgen leuchtete die mächtige Wand rot von der gerade aufgehenden Sonne. Egal. Über dem Gipfelkreuz stand noch der Mond. Wunderschön!

Guten Morgen und Happy Birthday 🙂

2-Tages-Tour zur Benediktenwand: Gipfelglück?!

Als wir nach einem Geburtstagsständchen für die Jubilarin, einem ausgiebigen Frühstück und extra viel Kaffee für alle aufbrachen, stand die Sonne bereits hoch am Himmel. Nun brennt sie auf die Felsen, an denen wir uns gerade Richtung Gipfel hochschrauben. Natascha und Pippa gehen, wie auch gestern schon, leichtfüßig vorneweg. Bobby geht eigentlich auch am liebsten ganz vorne. Immer wieder reckt er den Hals und will vorpreschen, um kein Mitglied unserer Wandergruppe aus den Augen zu verlieren. Ich versuche, das Tempo anzuziehen, aber es ist steil und ich kann nicht anders, als ab und zu stehen zu bleiben, in die Landschaft zu schauen, zu fotografieren und dabei ein wenig zu verschnaufen, bis Natascha von oben an die verbleibenden Gehzeiten und an unseren Zeitplan erinnert. Der abgegriffene Spruch „Nun sei doch mal im Hier und Jetzt!“ rutscht mir raus. Ich würde einfach am liebsten (ganz egoistisch) gerade nicht an später denken. Jetzt gehen wir aber erst mal weiter.

Unser Weg auf die Benediktenwand …
… der Blick zurück zur Tutzinger Hütte …
„Wo bleibt ihr??“
Bobby und Robert schauen noch mal kurz in die Welt …
… dann werden die letzten Meter erklommen …
… und die allerletzten Meter …
… Geschafft!

Ziemlich fix und fertig erreiche ich das Gipfelkreuz, zu dem wir in den letzten 24 Stunden aus allen möglichen Perspektiven, in der auf- und untergehender Sonne und immer wieder fasziniert hochgeblickt hatten. Jetzt stehen wir auf der 1801 Meter hohen Benediktenwand und schauen auf all das von oben herab. Jeder von uns war während des Aufstiegs mit den eigenen Geschichten, Konditionsproblemen und Terminen beschäft. Unsere kleine Seilschaft lief nicht immer im Gleichtakt. Jeder hat seinen individuellen Wander- und Lebensrhythmus. Nun blicken wir gemeinsam (wieder zu Atem kommend) in eine atemberaubende Bergwelt und ich spüre, dass uns die Erlebnisse hier oben noch enger als Freunde verbinden werden.

Schwindelerregend: Fast senkrecht 500 Meter unter uns liegt die Tutzinger Hütte.
Atemberaubend: Umgeben von einem Meer aus Bergen

2-Tages-Tour Benediktenwand: Abstieg über die Kohlstattalm

Zügig geht es wieder runter zur Tutzinger Hütte. Bei einer kleinen Mittagsjause vergessen wir beim philosophieren über das „Hier und Jetzt“ fast die Zeit, wobei genau diese drängt. So stolpern wir in drei Stunden fast ohne Trink-, Foto, und Verschnaufpause über die Kohlstattalm ins Tal. Wolfgang und ich holen unser Gepäck vom Ausweichquartier, wo wir es freundlicherweise für die eine Nacht unterstellen durften, und wir siedeln wieder zurück in das „Partyhotel“. Nach auspacken, duschen und ganz kurz aufs Ohr hauen, treffen wir Natascha und ihre Geburtstagsgäste (pünktlich ;-)) unten im Biergarten. Was für eine nette Runde! Was für wunderbare zwei Tage! Die Zeit saß uns ganz schön im Nacken und hier und da habe ich vor mich hin geflucht. Aber das ist nach dem ersten Weißbier schon fast vergessen. Und der Muskelkater kommt auch erst morgen, wenn es für Wolfgang, Bobby und mich wieder heißt: zusammenpacken. Denn dann geht es weiter nach Mittenwald am Karwendel …

Danke, liebe Natascha, für unsere Freundschaft – und deine Reiseleitung … immer wieder gerne 😉

2 Gedanken zu “Schweißtreibend und atemberaubend – Benediktenwand mit Freunden für’s Leben

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