24 Stunden in der Lüneburger Heide und (k)ein Geheimtipp zur Heideblüte

Die ganze Woche beobachtete ich bereits die Wettervorhersage für Bispingen in der Lüneburger Heide. Die Hitzewelle schien dort, genauso wie bei uns in Braunschweig, nicht abzureißen. Es ist der heißeste August in Norddeutschland seit der Wetteraufzeichnung. Nie gab es vorher mehr Tage über 30 Grad. Wolfgang war für einige Tage unterwegs mit Freunden zum Segeln und ich versuchte mit einer Menge Aufwand (und einigermaßen erfolgreich) die Hitze nicht ins Haus kommen zu lassen, um im Büro nicht wegzuschmelzen. Am Wochenende hatte ich noch nichts vor und ich las, dass die Heide in diesem Jahr besonders früh und schön blühen soll.

August 2020 – so heiß wie nie

Entschleunigung ganz ohne Heideblüte

Immer wieder bin ich in den letzten Jahren für einen Tagesausflug in die für mich näher gelegenen Heidegebiete der Südheide gefahren, war jedoch immer zu früh oder zu spät für die volle Heideblüte dran, ein anderes Mal hat es plötzlich gewittert oder es war so heiß, dass ein Spaziergang auf den Sandwegen durch die schattenlose Heide eher eine Qual als eine Freude war. Dann hat es mich voriges Jahr im Mai wegen eines Krankenhausaufenthaltes meines Vaters im Herz- und Gefäßzentrum in Bad Bevensen für eine Woche in die Lüneburger Heide verschlagen. Mit vielen Sorgen im Kopf entdeckte ich ganz ohne Heideblüte auf kleineren Wanderungen die besondere Schönheit und Wirkung dieser Landschaft: „Entspannend. Entschleunigend. Irgendwo im Nirgendwo. Ganz nah bei sich selbst.“ (Hier geht es zur ganzen Story).

Lüneburger Heide im Frühjahr

Nun lies mich der Gedanke nicht mehr los, endlich mal das sogenannte „Herz der Lüneburger Heide“, den Wilseder Berg mit Totengrund bei Bispingen zu besuchen. Dort sind die größten zusammenhängenden Heidegebiete zu finden. Ich haderte aber noch aufgrund der Temperaturen, der Gewitterwarnung für das Wochenende und wegen Bobby, der nicht nur Hitze, sondern auch Menschenmengen (die ich an diesem Hotspot der Lüneburger Heide erwartete) gar nicht mag. Am Ende der Woche sagte die Wettervorhersage für die Nordheide bei Bispingen dann einen stabilen Sonne-Wolken-Mix bei Temperaturen unter 30 Grad und Frühnebel voraus. Ich zögerte nicht mehr und buchte von Samstag auf Sonntag eines der letzten bezahlbaren Hotelzimmer, das ich finden konnte. Zum Sonnenuntergang und zum Sonnenaufgang wollte ich im Naturpark Lüneburger Heide möglichst einsam bei hoffentlich angenehmen Temperaturen wandern und fotografieren, so der Plan.

Sonnenuntergang und Sonnenaufgang in der Lüneburger Heide

Eigentlich hatte ich vor, gegen frühen Abend anzukommen, um direkt im Hotel einzuchecken und dann zum Pietzmoor bei Schneverdingen zu fahren. Der Sonnenuntergang soll dort besonders schön sein, las ich auf der Touristikseite der Lüneburger Heide, wo die „schönsten Fotolocations “ aufgeführt sind. Warum nicht einfach diesen Tipps folgen? Aber ich wusste zu Hause nichts mit dem angebrochenen Samstag anzufangen und machte mich viel zu früh auf den Weg, so dass ich bereits gegen frühen Nachmittag den Naturpark Lüneburger Heide bei Bispingen erreichte. Ich fuhr direkt zum Großparkplatz in Oberhaverbeck.

Dort wollte ich am nächsten Morgen noch vor dem Sonnenaufgang meine Wanderung starten, um dann am Totengrund zu beobachten, wie sich die Sonne aus dem in der Wettervorhersage angekündigte Nebel mystisch über die lila Heide erhebt. So hatte ich es auf diversen Fotos gesehen. Aber dazu später mehr. Nun wollte ich einfach schon mal einen Blick auf die Landschaft werfen. Der Parkplatz war brechend voll. Rund um die beiden Souvenierläden wuselte es von Menschen. Ich drehte direkt wieder ab und fuhr ein paar Kilometer zurück. Dort hatte ich einen kleinen Parkplatz gesehen mit dem Hinweisschild Behringer Heide, wo kaum etwas los war. Ich packte viel zu trinken und auch eine Kleinigkeit zu essen für Bobby und mich ein und wir folgten einem der ausgeschilderten Rundwanderwege.

Die Wolken zogen zu einer dunklen Wand zusammen. Ganz allein waren wir mittlerweile unterwegs. In der Ferne sah ich ein paar Rinder und eine alte Mühle. Ich wusste, dass nicht weit von hier jede Menge Touristen mit Kutschen Richtung Wilseder Berg gebracht werden. Ich genoss die Einsamkeit, die mir gleichzeitig angesichts der Wolkenformation auch ein wenig unheimlich war. Ein Gewitter konnte ich jetzt nicht gebrauchen. Es fing an, leicht zu regnen und ich beschloss, die Runde abzukürzen. Es blieb bei einem angenehm kühlenden Schauer und als ich mich dem Parkplatz näherte, brach die Sonne schon wieder durch die Wolken. Die Heide fing an zu leuchten in einer Landschaft wie ein Gemälde.

Ich fuhr in das gebuchte Hotel, das eher so etwas wie ein Resort war. Als ich eincheckte, wollte ein älteres Ehepaar gerade wissen, wie sie denn dieses bunte Bändchen vom Handgelenk abkriegen könnten. „Gar nicht, das benötigen Sie für das All-inclusive-Angebot,“ war die Antwort, woraufhin die Frau murmelte, dass sie das aber nicht außerhalb des Geländes tragen wolle. Nun gut, ich hatte sowieso nur mit Frühstück gebucht, das mir freundlicherweise als Lunchpaket zur Verfügung gestellt wurde, ebenso wie eine eigene Kaffeemaschine für mein Zimmer. Noch vor dem Sonnenaufgang wollte ich ja zum Totengrund am Wilseder Berg starten. Bobby streckte die Pfoten aus und war sichtlich froh, sich ein wenig auszuruhen, während ich eine Kleinigkeit aus meiner Kühlbox aß, die ich mitgenommen hatte, um möglichst autark zu sein. Gegen 19 Uhr starteten wir Richtung Schneverdingen. Ich las, dass man das Pietzmoor derzeit Corona bedingt ausschließlich vom Parkplatz am Restaurant Schäfers Ruh und im Einbahnstraßensystem auf einer kleinen Runde von etwa 5 Kilometern durchwandern kann. Das hörte sich nach Enge und Gedrängel an. Auch das Pietzmoor gehört zu den beliebtesten Ausflugszielen in der Lüneburger Heide.

Bizarres Pietzmoor

Die Sonne stand bereits tief als wir am Parkplatz ankamen und warf ein warmes Licht über die weite Landschaft. Ich sah von weitem, wie ein paar Hütehunde eifrig arbeiteten und eine Herde Heidschnucken in den Stall zurücktrieben. Schon bald erreichten wir die ersten Teiche. Auf Schildern kann man die interessante Geschichte der Entstehung, der Zerstörung und der Renaturierung des Torfmoores nachlesen. Der Himmel verfärbte sich rot-lila-türkisblau und spiegelte sich gemeinsam mit den abgestorbenen und bizarr aus dem Wasser ragenden Baumstämmen im Wasser. Bobby war gut drauf. Es hatte abgekühlt und auch für ihn gab es überall etwas zu beobachten oder zu erschnüffeln.

Ich vertrödelte jede Menge Zeit mit schauen und fotografieren. Wir begegneten nur ganz wenigen Menschen. Ich hätte gedacht, dass gerade zum Sonnenuntergang, wo das Pietzmoor doch als „einer der schönsten Fotospots“ sogar auf der Tourismusseite der Lüneburger Heide propagiert wird, mehr los sein müsste. Aber wahrscheinlich gibt es in den Hotels gerade Abendessen. Außerhalb der üblichen Stoßzeiten kann man anscheinend fast überall einsam unterwegs sein.

Ich hatte gar nicht mehr an den eigentlichen Sonnenuntergang gedacht, so schön war das Licht und die Stimmung, als ich auf einmal durch die Bäume einen feuerroten Ball erblickte. Ich beschleunigte meinen Schritt, denn ich sah auf der Karte, dass es an der Westseite des Pietzmoors noch ein paar Teiche gib. Dort den Sonnenuntergang zu sehen und zu fotografieren, das wäre doch was. Aber die Sonne ging hinter dem Wald unter. Aber auch das war wunderschön und der Himmel strahlte danach in tiefen Blau- und Rottönen. Im Restaurant Schäfers Ruh bekam ich noch ein Bier bevor dort die Stühle hochgestellt wurden und ich im Stockdunklen die Rückfahrt antrat.

Im Hotelzimmer angekommen, schlief Bobby sofort ein und ich beschloss, den Sonnenaufgang über dem Totengrund zu canceln. Eine halbe Stunde Anfahrt plus eine gute Stunde Fußweg bis zum Totengrund, das würde bedeuten, dass ich spätestens um halb 5 Uhr losfahren müsste. Vorher noch Hotelzimmer räumen und Auto packen, evtl. noch einen Kaffee trinken … Ich stellte den Wecker auf 6 Uhr.

Märchenhafter Totengrund und Hitze am Wilseder Berg

Als ich vor dem Weckerklingeln aufwachte, dämmerte bereits. Um kurz vor 6 saß ich im Auto und auf halber Strecke erblickte ich die aufgehende Sonne. Es lag tatsächlich etwas Nebel auf den Feldern – herrlich. Am Parkplatz in Oberhaverbeck standen außer ein paar Wohnmobile kaum Autos und die Luft war noch angenehm kühl von der Nacht. Wir gingen los Richtung Turmberg, eine kleine Erhöhung, von der man bereits einen wunderbaren Blick über die lila-leuchtende Landschaft hat, die uns im Licht der Morgensonne umgab.

Dann folgten wir den kleinen Sandwegen und etwas später nicht mehr den Wegweisern Richtung Totengrund, da ich vorher noch zum Steingrund wollte. Wir durchquerten einen Wald, in dem mein geplanter Weg im Nichts endete. Im Zickzackkurs kamen wir irgendwann zu einem Schild, das Richtung Steingrund wies. Hier war es fast ein wenig bergig, Kiefern- und Mischwald umgab uns. Und immer wieder leuchtete irgendwo die lila Heide hervor. Am Steingrund sahen wir in ein welliges Tal von blühender Heide und Wacholderbäumen. Wenige hundert Meter weiter erreichten wir die Aussichtskanzel am Totengrund. Unter uns lag eine verwunschene Landschaft. Ich war verzaubert, nicht nur von diesem Ort, sondern von der ganzen Gegend. So abwechslungsreich, wild und lieblich zugleich, hätte ich es mir hier nicht vorgestellt.

Blick in den Steingrund …
… und in den Totengrund.

Nun wurde es immer heißer, auch weil es kaum noch schattige Passagen gab. Im Heidedorf Wilsede bekamen wir um 9 Uhr morgens einen Kaffee („Kuchen erst ab 10 Uhr“). Auf dem Wilseder Berg war dann schon einiges mehr los und die Sonne brannte auf die freie Heidelandschaft. Bobby suchte unter jedem Wacholderbaum Schatten. Die Aussichten hier waren auch schön, aber die Gegend rund um den Totengrund hatte mir noch um einiges besser gefallen. Gegend Ende unserer etwa 14 Kilometer langen Wanderung kamen uns etliche Kutschen entgegen. Mit denen kann man direkt nach Wilsede fahren, um auf kurzem Weg den Wilseder Berg und /oder den Totengrund zu erreichen. Bobby sah erschöpft aus und auch ich schwitzte mächtig als wir wieder am Auto ankamen und sofort die klimatisierte Rückreise antraten.

Blick vom Wilseder Berg

Nun habe ich sie endlich mal gesehen, die Heideblüte im Naturpark Lüneburger Heide und ich bin nachhaltig beeindruckt. Diese faszinierende Kulturlandschaft hat mich regelrecht gefangen genommen. Ich habe unbedingt vor, wiederzukommen – aber nicht mehr zur Heideblüte, sondern irgendwann im Winter, zum Sonnenaufgang am Totengrund, gegen 8 Uhr statt 6 Uhr morgens 😉

Lüneburger Heide zum Nachwandern und ein Geheimtipp (nicht nur) zur Heideblüte

Lange bin ich davor zurückgeschreckt, zur Heideblüte die Hotspots der Lüneburger Heide in der Gegend rund um den Wilseder Berg aufzusuchen, da ich befürchtete, dass es gerade an den sonnigen Tagen, wenn die Heide besonders schön leuchtet, einfach zu voll dort ist. Zudem ist ja in dem schmalen Zeitfenster der Heideblüte im August / September immer Ferienzeit und Hauptreisezeit. Aber wie so oft habe ich erlebt, dass man außerhalb der täglichen Stoßzeiten, am Abend und am frühen Morgen nahezu einsam unterwegs sein kann. Hinzu kommt, dass in dieser Zeit das Licht wunderschön ist und die Temperaturen angenehm. Das ist bestimmt kein Geheimtipp und gerade deswegen wundert es mich, dass es eigentlich so einfach ist, wahrscheinlich überall auf der Welt an den Touristenattraktionen den Massen zu entkommen. Wir haben das beispielsweise am Mont-Saint-Michel in Frankreich oder auch in der polnischen Sahara erlebt. Wenn man sich dann noch ein paar Meter rechts oder links der Hauptrouten bewegt, kann man sogar tagsüber oftmals ganz für sich alleine die sogenannten „Top-Sehenswürdigkeiten“ genießen.

Hier geht es zu meinen Komoot- Aufzeichnungen (mit GPS-Daten) meiner Wanderungen in der Lüneburger Heide (anmelden ist nicht notwendig, einfach runterscrollen):

Lüneburger Heide mit Hund: Abkühlung zur Heideblüte rund um den Wilseder Berg

Im Hochsommer zur Heideblüte mit Hund durch die Lüneburger Heide zu wandern ist bestimmt nicht ideal. Auf den großen Heideflächen gibt es kaum Schatten und im Naturpark gilt natürlich überall Leinenpflicht. Aber die Lüneburger Heide besteht ja nicht nur aus Heideflächen, sondern auch aus viel Wald und jeder Menge Bachläufen und kleinen Gewässern. Im Naturpark am Wilseder Berg findet man insbesondere rund um den Totengrund viel Schatten und waldige Abschnitte. Auf den Weg Richtung Niederhaverbeck gibt es ein paar Bäche und Teiche, die für eine kleine Abkühlung sorgen können. Nach unserer Tour durch die Behringer Heide (etwa 2 Kilometer vom Großparkplatz Oberhaverbeck) sind wir noch zum Brunausee in Behringen gefahren. Ich weiß nicht, inwieweit Hunde am Strandbad erlaubt sind, aber auf dem Rundweg um den See gab es Kotbeutelstationen und einige Stellen, wo der Hund (und natürlich auch Mensch) ins Wasser springen kann (und bestimmt auch darf).


5 Gedanken zu “24 Stunden in der Lüneburger Heide und (k)ein Geheimtipp zur Heideblüte

  1. Danke für den wunderbaren Bericht über Deinen Ausflug in die Heide. Es ist wirklich erstaunlich, wie man durch einen kleinen räumlichen oder zeitlichen Abstand den Touristenmassen an Hotspots entgehen kann!
    Kürzlich bin ich auf diesen schönen Blog gestoßen: https://wanderblende.com/ . Dessen Verfasserin beherrscht diese Kunst perfekt. Und ist auch oft im Harz unterwegs. Liebe Grüße aus dem Süden. 🙂

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, es ist wirklich erstaunlich, wie wenige Menschen mal die „normalen“ Wege verlassen oder antizyklisch unterwegs sind. Aber vielleicht sind die meisten einfach gerne dort, wo viele andere auch sind??? Den Blog „Wanderblende“ kenne ich natürlich auch und bin ganz begeistert von den Fotos und den Unternehmungen der Verfasserin, die ja sogar oftmals nachts loszieht. Das habe ich bis jetzt allerdings noch nicht geschafft … 😉 Liebe Grüße in den Süden von Andrea

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