Stippvisite in Weimar – Hundstage im Zeichen des Ginkgos

Völlig durchgeschwitzt erreiche ich den Frühstücksraum. Es ist kurz nach halb 9 Uhr und das Thermometer klettert an diesem Morgen im Juni bereits Richtung 30 Grad. Im weitläufigen Park an der Ilm in Weimar habe ich während der Morgengassirunde mit Bobby die Zeit vergessen und es nun gerade noch pünktlich zur ersten „Frühstücksschicht“ geschafft, für die ich mich angemeldet hatte. Natascha hat ihr Frühstück bereits beendet und bevor sie auf ihre Morgenrunde mit Pippa startet, erklärt sie mir noch kurz die wichtigsten Corona-Regeln. Als ich am Buffet bin, habe ich diese schon wieder vergessen, wie andere auch. „Immer nur eine Person am Buffet und jeder ein eigenes Vorlegbesteck“, werden wir von der Chefin des Hauses streng ermahnt. Sie hat ihre liebe Mühe mit den Gästen und keiner nimmt es ihr böse. Wir zwinkern uns gegenseitig zu und jeder lächelt. Hauptsache wieder reisen! Dieser Gedanke scheint uns alle wie auf einer wohlwollenden Welle zu tragen, hier in Weimar, in diesem kleinen Stadthotel – und: endlich wieder weitentfernte Freunde treffen!

Treffpunkt Weimar

Unmittelbar nachdem touristische Übernachtungen deutschlandweit wieder möglich waren, planten meine gute und mittlerweile auch „alte“ (Blogger-) Freundin Natascha und ich ein Wiedersehen. Weimar sollte der Treffpunkt sein. Ich wollte schon immer mal nach Weimar und Natascha wollte sich schon seit langem dort Ginkgo Blatt Ohrringe kaufen. Aber eigentlich wollten wir uns einfach nur wiedersehen und Weimar liegt so gut in der Mitte zwischen Braunschweig und München. Und ich kann sagen, Weimar ist perfekt für ein Treffen nicht nur unter Menschenfreunden, sondern auch unter Hundefreunden.

Wandern bei Weimar mit Hund: Wald und Wasser rund um Buchfart mit Einkehr

So gab es dann gestern neben einer extralangen Umarmung auch ein extra lautes Gebell als wir uns am Waldgasthaus Balsamine in einem kleinen Waldgebiet in der Nähe von Weimar trafen. Jeder Zweifel darüber, ob es an diesem bisher heißesten Wochenende des Jahres wohl eine gute Idee war, die Hunde mit auf die Reise zu nehmen, verflog als wir sahen, wie das bayerische Dackelfräulein Pippa gemeinsam mit dem Harzer Wanderkaiser Bobby ohne Anlaufschwierigkeiten, völlig in sich versunken, gemeinsam an einem Grashalm schnüffelten und einträchtig jeden noch so schlammigen Zugang zur kühlenden Ilm ansteuerten. Wir liefen durch schattigen Wald, schlenderten entlang der Ilm, pausierten in dem herrlich verträumte Örtchen Buchfart (selbstgebackenen Kuchen vom Blech „to go“ im Ilm Stübchen), blickten über die Felsenburg und tranken eine megakünstliche, aber wahnsinnig leckere und eiskalte Fassbrause im Waldgasthaus Balsamine. Wir trödelten gemeinsam durch die Hitze und waren über drei Stunden für die knapp sechs Kilometer unterwegs – wunderbar!

Ginkgo, Goethe und die Freundschaft in Weimar

Nicht nur Bobby und Pippa knüpften direkt wieder an ihre Freundschaft an als wäre kein Tag vergangen seit dem letzten Wiedersehen vor acht Monaten. Uns Zweibeinern ging es genauso. Ich hatte mir viel vorgenommen, zu fragen und zu berichten, all das, was in den vielen Monaten nicht erzählt wurde, weil die Telefonate (auch nach Stunden) immer zu kurz waren und der eigene Alltag einen zu sehr gefangen nimmt, um sich so oft und ausführlich mitzuteilen, wie man das wünschte zwischen guten Freunden. Aber kaum waren wir zusammen, gab es aus dem gerade gemeinsam Erlebten heraus schon wieder so viel Neues zu bestaunen, zu besprechen, zum darüber lachen und manchmal auch zum schweigen, so dass Vergangenes und Zukünftiges erst mal dem gemeinsamen Moment weichen musste. Auch der von Natascha angekündigte Vortrag des Goethe Gedichts, wegen dessen sie sich hier in Weimar Ginkgo Blatt Ohrringe kaufen möchte, musste erst mal warten. Wir haben ja noch das ganze Wochenende! Ich ahnte bereits, dass die gemeinsame Zeit wieder zu kurz sein würde.

Stadtrundgang durch Weimar: Bauhaus, Goethe, Schiller und jede Menge zu entdecken

Die zweite Frühstücksschicht hat nun begonnen und ich werde zum Glück nicht (wie ich befürchtete) darauf hingewiesen, das Frühstück zu beenden, da mein gebuchtes Zeitfenster bereits abgelaufen ist. Ich kaue genüsslich an all den aufgetanen Köstlichkeiten und beobachte, wie die Chefin unermüdlich kämpft, um die (Corona-) Ordnung am Buffet durchzusetzen.

Etwas später schlendern wir durch die Stadt. Bobby hat nur müde den Kopf gehoben als ich das Hotelzimmer verließ und ihm kurz erklärte, dass wir jetzt Sightseeing durch Weimar machen würden, dessen kulturelles Erbe von der UNESCO gleich in mehreren Kategorien ausgezeichnet wurde: „Bauhaus und seine Stätten in Weimar, Dessau und Bernau“, „Klassisches Weimar“ und „Memory of the World“. Das klang wenig interessant für Bobby und er entschied sich, lieber auf dem kühlen Fliesenboden weiter zu dösen.

Fliesenboden – funktionales Design für Hunde in der Bauhausstadt Weimar

Es ist in Weimar kaum möglich, nicht über all die kunst- und kulturhistorischen Vermächtnisse und das bedeutende Erbe von Goethe und Schiller zu stolpern: Die im Stadtplan verzeichnete Sehenswürdigkeiten, wie das Deutsche Nationaltheater Weimar, Goethes Wohnhaus, Goethe Nationalmuseum, Schillers Wohnhaus, Schiller Museum, Goethe und Schiller Denkmal, Haus der Weimarer Republik, Herzogin Anna Amalia Bibliothek, Liszt-Haus, Nietzsche Archiv, und so weiter … werden während unseres Stadtrundgangs nahtlos ergänzt von modernen Skulpturen, alten Brunnen, schönen Hausfassaden, verwunschenen Innenhöfe, verwinkelten Gassen, weiten Plätzen und ganz viel Lebendigkeit durch studentischen Flair und jede Menge Cafés, Bars und Restaurants.

Wahrscheinlich hätten wir uns überall treffen können und wären begeistert gewesen über all das was es gemeinsam zu entdecken und zu erleben gäbe. Das ist das beruhigende und wertvolle an einer guten Freundschaft. Da braucht es nichts von außen, um sich inspiriert zu fühlen. Aber Weimar macht es einem besonders leicht, sich einfach treiben zu lassen, zum Beispiel durch den wunderschönen Park an der Ilm, der von Goethe mitgestaltet wurde und in diesem Jahr zudem ein Außenstandort der Bundesgartenschau in Erfurt ist.

Spaziergang durch Weimars grüne Lunge: Park an der Ilm mit Hund

Immer auf der Suche nach einem (noch schlammigeren!) Zugang zur Ilm oder einem versteckten Brunnen, in dem die Hunde etwas Abkühlung finden, streifen wir am Nachmittag mittlerweile bei weit über 30 Grad die Sehenswürdigkeiten im Park an der Ilm, der Teil eines Grüngürtels ist, der sich kilometerweit durch Weimar bis zum Schloss Belvedere am Stadtrand erstreckt.

Tempelherrenhaus
Goethes Gartenhaus
Kulturbanausen unter sich
Römisches Haus
Haus am Horn – Bauhaus Musterhaus
Bei der Hitze haben selbst die professionellsten Models keine Lust mehr zu posieren 😉
Café im Bienenmuseum: Schatten und Torte, da sind alle glücklich!

Auf Wiedersehen Weimar!

Am nächsten Morgen schaffe ich es pünktlich zum Frühstück und auch die Corona Regeln sitzen nun weitgehend. Es ist Abreisetag und die Zeit ist viel zu schnell verflogen. Weimar ist ein wunderbares Pflaster für einen Wochenendtrip – auch mit Hunden. Beim Auschecken rechnet die Chefin alles akribisch durch, um dann nach dem bezahlen festzustellen, dass da noch ein paar Biere von gestern Abend offen wären. „Ach, die schreiben wir einfach auf das Zimmer ihrer Freundin“, war ihre pragmatische Lösung. „Ja genau, dann kann ich mich mit ihr darüber kloppen,“ fällt mir augenzwinkernd dazu ein, was die Chefin irgendwie total witzig findet und herzlich lacht, wie ich auch. Plötzlich hat sie nichts mehr von dem Genervten und Angestrengten vom Frühstücksbuffet. Corona hat bei uns allen ein paar Spuren auf unserem Gemüt hinterlassen und bei den Hoteliers und Gastronomen bestimmt ganz besonders. „Bis zum nächsten Mal“ winkt sie mir hinterher. Als ich raus gehe, sehe ich gerade wie sich die zwei Pärchen vom Nebentisch im Frühstücksraum verabschieden und in ihre Autos steigen – mit Berliner und Frankfurter Kennzeichen. Ja, Weimar ist auch ein idealer Ort, sich endlich mal wieder mit weitentfernten Freunde (in der Mitte) zu treffen.

Aber was hat es nun mit dem Ginkgo in Weimar auf sich? Natascha hat natürlich ihre Ohrringe gefunden. Überall wird man in Weimar von dem Ginkgo Blatt begleitet. Es gibt sogar ein Ginkgo Museum. An diesem Abreisemorgen fand ich eine Postkarte vor meiner Tür, mit dem Gedicht von Goethe „Ginkgo Biloba“. Darunter steht: Ein Gedicht über die Freundschaft. Hier für dich. Von mir.


Sind es Zwei? Die sich erlesen,
Daß man sie als Eines kennt.

(J.W.v. Goethe)

In diesem Sinne: Bis bald in Weimar oder irgendwo – zu einer Stippvisite mit (weitentfernten) Freunden?!


6 Gedanken zu “Stippvisite in Weimar – Hundstage im Zeichen des Ginkgos

  1. Liebe Andrea,
    das passiert echt selten, dass es mir beim Lesen so die Tränen in die Augen treibt, dass es mir erstmal die Sprache verschlägt…
    Ist das eine „Liebeserklärung“ an Weimar oder eine an unsere Freundschaft?
    Egal, es passt ja eh beides.
    Danke für diese wunderschöne Nachlese & never forget the donkeybridge to the spelling of Gink-go 😉
    Deine „alte“ Natascha (fühl mich heut auch so, der gestrige Tag steckt mir noch ziemlich in den Knochen)

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Natascha, es hat einfach alles perfekt gepasst und ich bin echt begeistert von Weimar. Aber die „Liebeserklärung“ gilt dann doch eher unserer Freundschaft! Und: Asche über mein Haupt, ich habe die Eselsbrücke tatsächlich schon wieder vergessen. (Wahrscheinlich habe ich es auch mindestens 1-2 mal falsch geschrieben?!) Aber weiß du was ich gerade noch gelesen habe? Dass man seit der Rechtschreibreform auch „Ginko“ schreiben darf und dass Goethe in der Erstfassung seines Gedichts bewusst „Gingo“ gewählt hat, da ihm das „k“ zu hart klang. Haha, jetzt ist die Verwirrung perfekt 😉 So, nun erst mal noch einen schönen Abend und eine erholsame Regenerationsphase! Deine (alte) Freundin Andrea

      Gefällt mir

      1. Jaja, ich weiß. Die Rechtschreibreform hat eben auch eine Schneise der Sprachverwüstung hinterlassen: die Phantasie mutet mit „F“ forne reichlich fantasielos an und ob der Delphin mit einem mageren „f“ in seiner Körpermitte überhaupt noch schwimmen kann, wage ich zu bezweifeln. Und betrachtet man einen Ginkgobaum, so ist das mittige „kg“ schon in der Bauart der Blätter ersichtlich, ein alleiniges „k“ oder „g“ wird dem Gewächs aber nicht gerecht.
        Du siehst: ich bin wieder regeneriert!
        Liebe Morgengrüße aus München und auf viele schöne weitere gemeinsame Reisen, Treffen, Erlebnisse!

        Gefällt 1 Person

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