Ligurien entdecken – und die Welt ist voller Überraschungen. Roadtrip Norditalien (Teil III)

„Ach, ihr seid in Laigueglia! Da waren wir doch auch schon mal. Ist das nicht in Italien!?“ –  Schmale Gassen, in die sich kleine Geschäfte mit üppigen Auslagen quetschen. Schattige Plätze, eingerahmt von bunten Häuserfassaden. Große Eistüten, die in unseren Händen dahinschmelzen. Das Riesenrad auf der vor Hitze flirrenden Promenade; dahinter der Sandstrand. Kilometerweit reihen sich Liegestühle und Sonnenschirme – je nach Abschnitt gestreift oder unifarben, aber immer ordentlich in Reih und Glied – vor dem tiefblaue Meer. Ja, wir sind unverkennbar in Italien.

Ich telefoniere mit meiner Mutter und bin erstaunt, dass sie sich an unseren Urlaub in Laigueglia erinnert. Über 50 Jahre muss das her sein. „Das war schön“, sagt sie weiter, und wir vereinbaren, uns demnächst mal die alten Dias von diesem Urlaub anzuschauen. „Ja, das machen wir. Wenn es mir wieder etwas besser geht. Ich bin hier in irgendeinem Hotel. Oder Krankenhaus. Du wirst wissen, wo ich bin.“ Seit über einem Jahr ist meine Mutter jetzt in dem gleichen Pflegeheim. Immer im selben Zimmer, wo alles immer zur gleichen Zeit passiert.

Jedes Mal, wenn ich mich von ihr verabschiede, fragt sie, wann es Abendessen gibt. Das dürfe sie nicht verpassen. Sie hat Sorge, dann nichts zu essen zu kriegen. Dass ihr jeden Tag um 17:30 Uhr Bescheid gesagt wird, glaubt sie mir nicht. Jeden Tag aufs Neue. Sie hat es vergessen. Nicht so unseren gemeinsamen Familienurlaub vor einem halben Jahrhundert in Laigueglia, einem Badeort in Ligurien, an der italienischen Riviera.

Ligurien: Wo die Berge ins Meer fallen …

Auf unserem dreiwöchigen Roadtrip durch Norditalien, der ersten großen Reise im Dachzelt für unseren neun Monate alten Hund Pablo, sind wir in Ligurien gelandet. Ein spektakulärer Küstenabschnitt, dessen bekannteste Sehenswürdigkeit wohl der Nationalpark Cinque Terre ist, und wo die Berge beinahe ins Meer stürzen. Die Ligurischen Alpen, auch „Alpi Marittime“ genannt, rahmen diese gerade mal 300 Kilometer lange Küstenregion entlang des Golfs von Genua mit ihren über 2000 Meter hohen Gipfeln ein.

Pablos erste große Roadtrip – über die Alpen bis ans Meer – angekommen an der italienischen Riviera, in Ligurien.

Für eine Woche hat das Dachzelt nun Pause. Im hügeligen Hinterland der Hafenstadt Imperia haben wir in der Nähe von der Ortschaft Diano San Pietro ein Ferienhaus angemietet. Ein geeigneter Standort, um das kleine Ligurien von den bekannten Strandbädern in den Küstenregionen, über die mittelalterlichen Dörfer im Landesinneren bis hoch in die italienischen und französischen Seealpen zu erkunden, dachten wir uns im Vorfeld. Ein Ausflug in den kleinen Küstenort Laigueglia stand eigentlich nicht auf dem Plan. Mir ist tatsächlich erst vor Ort aufgefallen, dass ich schon mal in Ligurien war – vor über 50 Jahren.

Reisen, und sich von der Welt überraschen lassen

Wahrscheinlich ist es an der Stelle überflüssig, zu erwähnen, dass wir (mal wieder) nur einen Bruchteil von den im Vorfeld geplanten Orten und vermeintlichen „Must-Sees“ gesehen haben. Uns hat nichts gefehlt. Ganz im Gegenteil. Und genau wegen dieser Erfahrung ist es für mich während eines Roadtrips so wichtig, auch mal zu bleiben, irgendwo „anzukommen“. Sich Zeit nehmen, für einen Ort. Nicht gleich weiterreisen, wenn es dort auf den ersten Blick nicht so ist, wie ich mir das im Vorfeld ausgemalt hatte. Die Schönheit in dem Besonderen eines jeden Ortes, fernab der in den Reiseführern beschriebenen Sehenswürdigkeiten, entdecken. Denn genau das macht doch den Reiz des Unterwegs seins aus, finde ich. Jeder, der nach einer Reise sagt: „Ich habe alle Punkte meiner „Travel Bucket List“ abgehakt. Alles war genau so, wie ich es mir vorgestellt habe“, hätte sich die Reise sparen können. Denn für wen die Welt keine Überraschungen mehr bereit hält, der kann sich deutlich bequemer und günstiger von zu Hause aus nur um sich selbst drehen.

Deswegen wird es auf meinem Blog auch nie einen Bericht geben, im Sinne von: Was du in einer Woche in Ligurien gesehen haben musst! Vielmehr verstehe ich meine Artikel als eine Liebeserklärung an das selbst Entdecken. Die vorgefertigten Bilder und Erwartungen beiseiteschieben und sich auf die Realität einlassen. Um ein wenig mehr zu verstehen, was das Leben ausmacht. Und um gleichzeitig zu erkennen, wie wenig wir von der wunderbaren Vielfalt dieser Welt auch nur erahnen können. Gar nicht so einfach ist das in Zeiten, in denen wir die Möglichkeit haben, virtuell um die ganze Welt zu reisen, alles bis ins Detail vorauszuplanen und durch Social Media auch gleich das passende Gefühl und die „richtige“ Meinung dazu serviert bekommen.

Beobachtungen an der Riviera di Ponente – der Blumenriviera in Ligurien

Irgendwo im Nirgendwo in den Olivenhainen von Diano San Pietro

Erst mal war ich aber enttäuscht von der Realität. Und hätten wir die Ferienunterkunft nicht im Voraus fix gebucht, ich wäre wahrscheinlich sofort weitergereist. Über eine schmale, staubige Straße, schlängelten wir uns durch karge Olivenhaine, vorbei an überwucherten Steinhäusern und verfallenen Viehställen, schier endlos immer weiter steil bergauf. Keine Wende- und kaum Ausweichmöglichkeiten. Nicht vom Gas gehen. Bloß nicht stehen bleiben. Hoffen, dass kein Gegenverkehr kommt. Dann erreichten wir einen Parkplatz. Laut Navi waren wir an unserem Ferienhaus angekommen. Meine Laune war im Keller. Wie sollen wir hier jemals wieder wegkommen? Für die drei Kilometer nach Diano San Pietro fahren wir ja schon eine gefühlte Ewigkeit. Zu Fuß kann man auch nicht gehen! Bei der Hitze? Auf der häßlichen Straße? Und dann noch mit unserem Hund Pablo, der ja fast noch ein Baby ist?!

Ligurien: Reisen im Schritttempo

Ja, in Ligurien fallen die Berge sehr fotogen fast bis ins Meer. Eigentlich hätte mir klar sein müssen, dass es hier – kaum, dass man den schmalen Küstenstreifen verlässt – steil bergauf geht. „Weniger als 1% von Ligurien ist flaches Land.“ – dieser Satz aus dem Reiseführer, bekam in dem Moment eine ganz reale Bedeutung: das Fortkommen in Ligurien könnte beschwerlicher werden als gedacht, und vor allem langsamer.

Die Hitze schlug uns entgegen, als wir aus dem klimatisierten Auto ausstiegen. Und auch Herr Möller kam uns freundlich lächelnd entgegen. Unser Vermieter ist Deutscher. Einer von vielen Deutschen, wie wir später erfahren, die sich hier in der Gegend einen alten Hof gekauft und hergerichtet haben. „Angekommen irgendwo im Nirgendwo,“ rutschte es mir zur Begrüßung leicht genervt heraus. „Ja, hier oben kann man wirklich gut entschleunigen“, entgegnete er, und: „Herzlich willkommen!“ Wir ließen Pablo aus dem Auto, der fröhlich den Garten erkundete. „Meine Frau hat Angst vor Hunden“ sagte er, als diese gerade aus dem Haus kam, und Pablo direkt auf sie zu lief. Kurz darauf streichelte sie ihn. Nun lachten wir alle. Das Eis war gebrochen. Alles war gut, so wie es ist, in dem Moment. Hier oben in den Olivenhainen von Ligurien. Nachdem wir das Gepäck ins Haus gebracht hatten, war es später Nachmittag geworden. Zeit für einen Aperitivo. Mit Blick auf das Meer. Wunderbar, oder?

Mir war schnell klar, dass wir mehr Zeit hier oben verbringen würden, als ich das vorhatte. Den erste Punkt, den ich von meiner Reisewunschliste für Ligurien strich, war der geplanten Ausflug zu einer der gefährlichsten Passstraßen Europas, der Alta Via del Sale entlang des Grenzkamms zwischen Italien und Frankreich. Die Zufahrtsstraße zu unserem Ferienhaus war für mich, was das angeht, erst mal Abenteuer und Nervenkitzel genug. Tatsächlich sollte unser Bewegungsradius während der gesamten Woche in Ligurien kaum weiter als 20 Kilometer sein. Nichts fehlte.

Entschleunigung in den Olivenhainen von Ligurien

Während unserer täglichen Gassirunden erkundeten wir die nähere Umgebung unseres Ferienhauses, das als ehemalige Olivenölmühle Teil eines mittelalterlichen Dorfes war. Die alten Gassen der Siedlung entdeckte ich erst auf dem zweiten Blick. Sie verstecken sich hinter steilen Aufgängen und hohen Mauern. Von manchen Häusern existieren nur noch überwucherte Mauerreste. Einige sind aber saniert und beherbergen nun hauptsächlich Ferienwohnungen. Wir sind also nicht die einzigen Touristen irgendwo im Nirgendwo in Ligurien 😉

Und Abends auf einen Aperitivo ins Strandbad Diana Marina

Zum Einkaufen müssen wir das Auto bewegen. Der nächste Supermarkt ist kaum fünf Kilometer, aber etliche Serpentinen entfernt, unten am Meer, in Diana Marina. Besonders am Abend, wenn die Sonnenschirme zusammengeklappt sind und der Strand gefegt (!) wird, genießen wir es, entlang der Promenade und durch die kleine Fußgängerzone zu flanieren. Die Bars und Restaurants sind gut besucht und ein angenehmes Stimmengewirr begleitet uns. Beim Anblick von Pablo erheben sich einige Stimmen auch schon mal zu Begeisterungsstürmen. Ja, wir sind in Italien, das Land der großen Emotionen. Schön ist das.

Küstenwandern in Ligurien zwischen Meer und Bergen

Es ist Anfang Juni und von Tag zu Tag wurde es heißer. So fiel unsere Küstenwanderung oberhalb des mittelalterlichen Küstenortes Cervo, dessen Häuser sich rund um die imposante Barockkirche über dem Meer aufstapeln, mit knapp fünf Kilometern etwas kürzer als geplant aus. Viel weiter hätte man hier oben wandern können – entlang der Küste oder bis hoch, in die Berge. Meist mit herrlichen Aussichten über das tief unten liegende Meer und die vielen Ortschaften, die sich in die Buchten des schmalen Küstenstreifens quetschen.

Cervo – abtauchen in das mittelalterliche Gassengewirr

Und wären wir nicht mit unserem Hund Pablo unterwegs, der mit seinen neun Monaten die Freude, die er bis jetzt am Wandern hat, nicht ganz verlieren soll, hätte uns die Hitze wahrscheinlich nicht davon abgehalten, weiterzugehen. Aber wir wollen den kleinen Kerl nicht überfordern. Wir flüchteten in das schattige Gassengewirr von Cervo und bekamen einen Eindruck von den für Ligurien so typischen Dörfern: eng, schmal, steil, und im Falle von Cervo wunderschön hergerichtet. Im Landesinneren gibt es jede Menge dieser mittelalterlichen Ortschaften, die hoch oben auf Bergkuppen thronen und sich an die steilen Hängen klammern. Viele davon sind beinahe ausgestorben und dem Verfall gewidmet. Ein paar davon haben wir besichtigt, denn ich habe nicht alle Punkte von meiner Reisewunschliste für Ligurien gestrichen. Aber dazu erst später …

Sommer in Ligurien

… denn erst mal taten wir das, was man hier oben so gut kann: entschleunigen. Ganz früh morgens fahren wir an den einzigen, auch für Hunde frei zugänglichen Strandabschnitt von Diana Marina: Grobe Kieselsteine statt gefegter Sandstrand; Felsen statt Liegestühle. Für uns perfekt.

Danach geht es über die schmale, steile Straße wieder hoch, in die Olivenhaine. Mittlerweile wissen wir, wie man die Kurven schwungvoll nimmt, ohne aufzusitzen. (Ich gebe zu: zwei mal waren wir in Ligurien froh, dass wir in ein Unterbodenblech für unser Auto investiert hatten…) Tatsächlich habe ich sogar richtig Spaß an der sportiven Fahrt, und wenn die letzte Rampe zu dem Parkplatz unseres Ferienhauses genommen ist, gibt es Frühstück auf unserer Terrasse, natürlich mit Blick auf das Meer. Wenn die Sonne immer höher steigt, halten wir ausgiebig Siesta im Ferienhaus. Die alten, dicken Mauern der ehemaligen Olivenmühle halten die Hitze des Tages draußen. Irgendwann am späten Nachmittag wird es dann wieder Zeit für einen Aperitivo – unten in Diana Marina.

Einmal fuhr ich zwischendurch noch einmal die enge Straße runter und eine andere ähnlich schmale Straße wieder hoch, ins nächste Dorf, zu einer Olivenölmanufaktur. Mit dem Vorhaben, ein paar Mitbringsel zu kaufen, kam ich mit einer großen Kiste zurück: Pestos, Olivenöle, Soßen, Nudeln, Oliven, einen kleinen Keramiktopf mit Zitronen und Oliven draufgemalt und noch ein paar Kleinigkeiten mehr. Die Dame in dem kleinen Laden sprach nur italienisch und obwohl ich kaum ein Wort italienisch kann, haben wir uns bestens verstanden. Mit einer Leckerei nach der anderen kam sie um die Ecke, die ich unbedingt probieren sollte. Am Schluss schenkte sie mir noch ein paar Gläser von ihren Lieblingspestos („molto buono!“). Abends gab es dann eine große Portion Spaghetti, zubereitet mit all den Köstlichkeiten. Was soll ich sagen? Einfach: „delicioso!“

Die Seealpen – ein Sehnsuchtsort, irgendwo zwischen Meer und Bergen

Aber da war noch der eine Punkt auf meiner Reisewunschliste. Der Punkt, der uns überhaupt nach Ligurien geführt hat. Die Seealpen. Seit wir vor ein paar Jahren auf unserem Roadtrip nach Südfrankreich im Dauerregen so gut wie nichts von den französischen Seealpen gesehen haben, und es doch gereicht hat, um mich total zu faszinieren, möchte ich wieder hin – in diese Region zwischen Bergen und Meer. Blicke auf die hohen (schneebedeckten) Bergen in die eine, und weit bis zum Meer in die andere Richtung. Irgendwo hatte ich Fotos von dieser faszinierenden Szenerie gesehen, die meine beiden Sehnsuchtsorte – das Meer und die Berge – miteinander vereint. Ein Ausflug in die Berge, die ja den größten Teil des kleinen Liguriens ausmachen, musste also auf jeden Fall sein.

Rundfahrt durch das Nervia Tal – einsame Täler, mittelalterliche Bergdörfer und Sommerfrische mit Seealpenblick

Das Nervia Tal – „… eines der schönsten Täler der Riviera de Ponente, üppig grün, an den Hängen klebende, mittelalterliche Ortschaften“ und: „Aussichten auf die hohen Berge der Seealpen …“ diese Stichworte aus dem Reiseführer klangen vielversprechend, und so ging es auf eine „kleine Rundfahrt“ durch das Nervia Tal, das sich fast an der Grenze zu Frankreich bis hoch ins Gebirge schlängelt.

„Klein“ waren aber vor allem wieder die Straßen, und sie wurden immer schmaler, je weiter wir hinter Ventemiglia in das Nervia Tal eintauchten – über Dolceaqua, unserer ersten Station mit der berühmten mittelalterlichen Brücke, ging es nach Apricale, das sich fotogen an einem Berghang emporzieht, und weiter bis nach Pigna. Immer einsamer wurde es auch in den Ortschaften, in denen man sich tatsächlich ins Mittelalter zurückversetzt fühlen kann. Viele der Häuser stehen zwar leer, aber einige hundert Bewohner zählen die Orte meist doch noch, und es ist erstaunlich, wie sich die hauptsächlich älteren Menschen mit Stock und Einkaufstüte in einem ganz langsamen Tempo aber sicheren Tritts die steilen Gassen und Treppen hocharbeiten.

Als wir von Pigna aus Richtung Bajardo abbogen, wurden die Straßen tatsächlich noch schmaler, fast dachte ich, wir wären auf einem Wanderweg gelandet, aber uns kamen Autos entgegen. Irgendwie haben wir es immer geschafft, uns gegenseitig auszuweichen …

„Straße“ von Pigna nach Bajardo in den Bergen von Ligurien (Google Street View)

Es ging über eine Passhöhe und bald tauchte das Dorf Bajardo vor uns auf. Dort erwartete ich mein Highlight des Tages: Auf etwa 900 Metern gelegen, soll man von dort einen fantastischen Rundumblick über die hohen Berge der Alpi Marittine, und bei guter Sicht sogar bis hinunter zum Ligurischen Meer haben.

(Kein) Panoramablick von Bajardo über die Seealpen bis zum Ligurischen Meer

Doch von guter Sicht konnte leider keine Rede sein. Obwohl nicht eine Wolke den Himmel trübte, schien Bajardo von einer Dunstglocke umgeben zu sein. Und tatsächlich fiel mir schon in den letzten Tagen auf, dass es immer sehr diesig war. Aber hier oben hatte ich fast den Eindruck, wie durch verstaubtes Brillenglas zu blicken. Später erfuhren wir, dass sich aufgrund von Waldbränden in Kanada eine riesige Aschewolke genau hier, über den Seealpen festgesetzt hatte.

Am höchsten Punkt von Bajardo, rund um die ehemalige Kirche, die 1887 wie das gesamte Dorf durch ein Erdbeben zerstört wurde, gibt es im Schatten von hohen Bäumen herrliche Panoramaterrassen in alle Richtungen. Die fantastischen Aussichten konnten wir leider nur erahnen.

Wo ist der Pablo?

Schön war es dennoch. Im Schatten der alten Gemäuern des ehemaligen Ortskerns von Bajardo spielten wir noch ein wenig Verstecken mit Pablo, dann schlenderten durch den darunter liegenden neuen Ortskern, der erstaunlicherweise sogar recht belebt war, bis es über unzählige Haarnadelkurven und mit Zwischenstopp in San Romolo, der Sommerfrische von San Remo, wieder runter ans Meer nach San Remo ging.

Nur einen Schnappschuss aus dem Auto gibt es von oben auf San Remo. Es gab keine Möglichkeit, auf der Serpentinenstraße mal kurz stehen zu bleiben. Zu eng ist hier alles gebaut. Ligurien gehört zu den am dichtesten besiedelten Regionen Italiens. Und alles will sich auf das knapp 1% Flachland entlang der Küste quetschen. 65% der Region ist Gebirge, und diese Tatsache kann eine „kleine“ knapp 60 Kilometer lange Rundfahrt durch das Nervia Tal schon mal einen ganzen Tag lang werden lassen.

Die angedachte Besichtigung von San Remo streichen wir, genauso wie einen Besuch des Nobelortes der Bel Epoque Bodighera, der Künstlerkolonie Bussana Vecchia oder dem Hexendorf Triora. Alles in unmittelbarer Umgebung. Wie noch so viel mehr Sehenswertes und Erlebenswertes in dem kleinen und so erstaunlich vielseitigen Ligurien. Eine Woche ist zu kurz, denke ich mal wieder, als wir am letzten Tag durch Laigueglia spazieren. Wo ich schon mal war, als Kind, vor über 50 Jahren. Das mir heute ausgesprochen gut gefällt. Ich könnte mir vorstellen, im Winter wiederzukommen. Wenn die Strände frei von Liegestühlen, und die Temperaturen (auch für Hunde) angenehm sind.

Das Leben. Eine unvorhersehbare Reise.

Aus unserem Vorhaben, gemeinsam mit meinen Eltern die alten Dias von unserem Italien Urlaub in Laigueglia anzuschauen, ist (noch) nichts geworden. Mittlerweile ist auch mein Vater ins Pflegeheim gezogen. Krankenhausaufenthalte, Kurzzeitpflege … viel gab es, und gibt es immer noch und immer wieder zu organisieren. Erstaunlicherweise ist mein Vater, der nie in ein Pflegeheim wollte („da riecht es so nach Tod“) gut dort angekommen.

Wenn ich ihn mit Pablo besuche, sagt er: „Ja, Bobby, du bist der Beste.“ Dass Bobby gestorben ist, hat er vergessen. Ich widerspreche ihm nicht (mehr). Ich möchte ihn in seinem tiefen Gefühl, dass ihn mit Bobby verbindet und das er jetzt auf Pablo überträgt, nicht verunsichern. Er weiß nicht mehr, was er zu Mittag gegessen hat. Und dass ich ihn gestern besucht habe ebenso wenig. Aber er weiß, wo er ist und er reflektiert seine Situation: „Große Reisen werde ich nicht mehr machen. Das war früher mal. Vielleicht hätte man mehr machen können. Aber: It’s no use crying over spilt milk. Ich vermisse nichts. Das ist jetzt mein Leben.“ Er zeigt auf seinen riesigen Fernseher. Seine Lieblingssendungen sind Natur- und Tierfilme oder historische Reportagen.

Meine Mutter dagegen weiß, wer Pablo ist: „So ein lustiger Kerl. Der Bobby war auch toll, aber nicht so ein Herzensbrecher wie der Pablo.“ Sie erinnert sich an aktuelle Vorkommnisse. Sie schildert, wie ein Pfleger immer dumme Sprüche macht. Dass sie auf einer merkwürdigen Karnevalsveranstaltung war. Aber ihr Zimmer ist immer wieder neu für Sie. Und beängstigend. Sie fühlt sich schuldig, weil sie sich schwach und elend fühlt. „So habe ich mir das nicht vorgestellt, wenn ich alt bin.“

Wenn meine Eltern im Pflegeheim gemeinsam bei Essen sitzen, dann scheint alles ganz selbstverständlich. Aber wenn eine dritte Person mit meiner Mutter über „ihren Mann“ spricht oder ich über „meinen Vater“, dann weiß sie nicht, wer und wie viele damit gemeint sind. Die verschiedenen Rollen dieser einen Person sind für sie kognitiv nicht mehr nachvollziehbar. „Was? Dieser Mann da, das soll mein Ehemann sein? Der einzige?“ Mein Vater ist sich völlig klar darüber: „Ja, das will ich doch meinen!“ Meine Mutter schüttelt den Kopf. „Ich blick da nicht mehr durch. Aber gut, dass ihr Bescheid wisst.“ Und sie lacht über sich selbst. Und wir lachen alle zusammen. Und in dem Moment ist es gut so, wie es ist. Auch wenn ich weiß, dass ich ganz und gar nicht Bescheid weiß. Keine Ahnung davon habe, wie die Gehirne meiner Eltern funktionieren. Scheinbar keiner Logik oder Regel mehr folgend. Keiner von uns hätte sich das so vorgestellt. So ist es wohl, das Leben. Wie eine Reise. Unvorhersehbar. Voller Überraschungen. Ob man will oder nicht.

Roadtrip Norditalien: So geht es weiter – vom Mittelmeer bis in die Alpen des Piemont

Und so geht es auch auf unserem Roadtrip voller Überraschungen weiter. Erst am letzten Abend in Ligurien entscheiden wir uns, wo wir am nächsten Abend unser Dachzelt aufklappen werden: im Valle Maira, direkt an der Grenze zu Frankreich, im südlichen Piemont gelegen. Und so viel sei verraten: Diese einsame und abgelegene Region, über die ich durch Zufall bei meiner Bloggerkollegin Steffi von The Van Dog Blog gestolpert bin, wird uns regelrecht verzaubern …

Wie schön ist es doch, die Welt zu entdecken – hier im Valle Maira. In diesem Sinne: Bis bald!

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