Wow! Die Verdonschlucht. Roadtrip nach Südfrankreich Teil 3

Als hätte jemand in der Nacht einen riesigen Farbeimer über die Landschaft gekippt, so türkisgrün strahlt heute das Wasser des großen Stausees Lac de Sainte-Croix mit dem tiefblauen Himmel um die Wette. Wie kleine bunte Tupfer heben sich die vielen Elektro- und Tretboote vor den kalkweißen und steil aufragenden Felsen der Verdonschlucht ab. Mit der Nase voran steht Bobby am Bug unseres Tretbootes. Eine Bootsfahrt durch die Verdonschlucht, den sogenannten Grand Canyon du Verdon, die sich teilweise bis zu 700 Meter tief in die Landschaft schneidet, hatten wir eigentlich gar nicht geplant – schon gar nicht mit Bobby. Zu viele Bedenken wären aufgekommen, hätte ich vorher darüber nachgedacht. Nach sieben Jahren wissen wir immer noch nicht, ob unser Hund schwimmen kann. Zum Glück hatten wir seine Schwimmweste eingepackt. Und manchmal passieren die Dinge einfach. Nun bin ich zu überwältigt von unserer Umgebung als dass ich denken könnte. Die Menschen auf den anderen Booten lächeln zu uns rüber und winken Bobby fröhlich zu.

Dachzeltroutine. An der Verdonschlucht.

Seit unserer fantastisch schönen Wanderung am Matterhorn verließ uns der Sonnenschein. Eine Gewitternacht in den französischen Alpen und ein Blindflug durch die verregneten Seealpen, die mich trotzdem regelrecht verzaubern konnten, liegen hinter uns.

Nach knapp einer Woche sind wir auf unserer Reise nach Südfrankreich an der Verdonschlucht angekommen. Es ist Mitte September und wir sind unterwegs auf unserem ersten längeren Roadtrip mit Hund und Dachzelt. Mittlerweile hat sich eine gewisse Routine eingestellt. So bauten wir nach unserer Ankunft auf dem Campingplatz Les Pins bei Salles du Verdon, am Ufer des Lac de Sainte-Croix, nicht nur unser Schlafzimmer im Dachzelt, sondern vorausschauend auch (obwohl gerade die Sonne schien) die (Regen-) Markise auf, stellten die Stühle und den kleinen Tisch auf, richteten im Kofferraum unser „Badezimmer“ mit Handtüchern und Waschzeug ein, steckten den Kühlschrank an die Powerstation und nutzten die temporäre Sonnenphase, um auch die Solarpanels anzuschließen. Wir waren froh, autark unterwegs zu sein. In den Bereichen, wo es Strom gab, standen auf dem gut besuchten Campingplatz die teilweise riesigen Wohnmobile dicht an dicht. Bobby hat in den letzten (verregneten) Tagen seinen Platz im Kofferraum lieben gelernt. Im Trockenen und mit guter Aussicht von seinem erhöhten Posten beobachtete er entspannt unser Tun und aus den Augenwinkeln den kleinen Yorkshire Terrier, der aus dem Wohnwagentür unserer Nachbarn herauslugte und das Gleiche wie Bobby tat.

Esszimmer, Küche, Badezimmer und Bobbys Lieblingsplatz 😉

Pause. Am Lac de Sainte-Croix.

Es regnete tatsächlich noch einmal in der folgenden Nacht, und am nächsten Tag war der große Stausee Sainte Croix in milchigen Dunst gehüllt. Diffus konnte man die Sonne dahinter erahnen. Um zur nahegelegenen Verdonschlucht zu kommen, hätten wir das Auto bewegen müssen. Aber wir blieben unserem Vorsatz treu, nach einem Reisetag das Auto für mindestens 24 Stunden stehen zu lassen. So spazierten wir am See entlang – oben auf der kleinen, bewaldeten Steilklippe und unten über den weißen Kiesstrand. Bobby sprang durch das pastellig-türkisene Wasser und wir verbrachten viel Zeit damit, auf den See zu schauen.

Savoir-vivre. Mittags in Frankreich.

Gegen Mittag schlenderten wir nach Les Salles-sur-Verdon. Als der Stausee in den 70er Jahren gebaut wurde, musste das Dorf 400 Meter weiter nach oben versetzt werden. In der Touristeninformation wollten wir uns über Wandermöglichkeiten in der Verdonschlucht informieren. Wir standen vor verschlossenen Türen. Das ist Frankreich. Alle Geschäfte (zumindest in den kleineren Ortschaften) haben konsequent von 12 Uhr bis 15 Uhr Mittagspause. Und so machten wir es wie Alle. Wir gingen essen. Während das übrige Dorf ruhte, waren die wenigen Restaurants rund um den Hauptplatz der kleinen Fußgängerzone voll. Und beinahe auf jedem Tisch stand ein kleines Fläschchen Wein, auch bei uns. So geht das wohl, das „Savoir-vivre“ – wunderbar!

Pläne schmieden …

Eigentlich wollten wir nur mal kurz von der großen Brücke aus in die Verdonschlucht blicken. Das war einer der Kringel, die uns die Dame aus der Touristeninfo nach unserem Mittagessen in Les Salles-sur-Verdon auf die Übersichtskarte des Parc naturel regional du Verdon gezeichnet hatte. Das Bergdorf Rougon markierte sie ebenfalls mit dem Hinweis auf eine „très bonne crêperie“, sowie die Route des Crêtes, eine Panoramastraße, die als Einbahnstraße höchst spektakuläre Ausblicke bieten soll. Sie wies darauf hin, dass auf den Wanderwegen in der Verdonschlucht Hunde nicht gestattet seien, gab uns aber einen kleinen, mehrseitigen Prospekt mit dem Titel: „Les Gorges du Verdon avec son chien“ mit, in dem etliche Wanderrouten und Tipps rund um die Verdonschlucht mit Hund aufgeführt sind – ein toller Service, finde ich. Wir planten dennoch keine Wanderung, sondern hatten vor, die empfohlenen Sehenswürdigkeiten mit dem Auto abzuklappern, um dann direkt weiter nach St. Tropez an die Côte d’Azur zu fahren. Wir sehnten uns nach Sonne und Meer.

…. und Pläne verwerfen

Keine einzige Wolke trübte heute Morgen den Himmel als wir das Dachzelt zusammenpackten und den Campingplatz verließen. An unserem ersten Tagesziel, an der großen Brücke am Eingang der Verdonschlucht angekommen, schlug Wolfgang spontan vor: „Komm, lass uns ein Boot nehmen.“ Hach, ich liebe diesen Mann für seine scheinbar so einfachen und doch großartigen Ideen. Wir holten die Schwimmweste von Bobby aus dem Auto und noch bevor ich nachdenken konnte, ob Hunde auf den Booten überhaupt erlaubt sind und ob Bobby nicht große Angst haben oder wie wild die anderen Boote ankläffen oder gar aus Panik ins Wasser springen würde, schipperten wir schon los. Nun sind wir ein kleiner bunter Punkt inmitten dieser beeindruckenden Landschaft und können uns nicht sattsehen. Über uns strahlt die Sonne genauso, wie Bobby am Bug unseres Tretbootes. Und auch Wolfgang und ich bekommen das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht. Die Weiterreise nach St. Tropez ist vergessen. Was könnte es Schöneres geben als gerade hier zu sein?

Crêpes mit Aussicht. In Rougon.

Nach einer Stunde geben wir das Boot wieder ab und folgen weiter den Kringeln auf unserer Landkarte. Wir kurbeln auf immer schmaleren Straßen immer höher und blicken immer tiefer in die Schlucht. Dann erreichen wir saftig, grüne Bergwiesen und den im Sonnenlicht an Felsen geschmiegten Ort Rougon.

Eine wirklich „très bonne Crêperie“ …
… in dem kleinen Bergdorf Rougon.

Aufhören zu zählen. Aufhören zu überlegen. Auf der Route de Crêtes.

Später, bei La Palud-sur-Verdon, biegen wir auf die Panoramastraße Route-des-Crêtes ab, wo ich irgendwann aufhöre zu zählen, wie viele ausgewiesene Aussichtspunkte es hier gibt, ebenso wie zu überlegen, ob der nächste Blick in die Tiefe oder in die Ferne wohl noch spektakulärer ist als der vorherige – es ist einfach: Wow!

Und obwohl Wolfgang und ich stillschweigend und einvernehmlich unseren Plan, heute noch weiter nach St. Tropez an die Côte d’Azur zu fahren, längst aufgegeben hatten, müssen wir uns zurückhalten, nicht an jeder Aussichtsplattform anzuhalten. Es ist heiß, die Sonne brennt und Bobby hat nicht viel von dem vielen Gucken und Staunen. Wir beschließen, noch eine Nacht an der Verdon zu bleiben.

Einfach noch bleiben. An der Verdon.

Der Nordroute Richtung Castellane weiter folgend, führt die Straße nun tief unten, direkt an der Verdon entlang – teilweise einspurig durch in die Felsen geschlagene Tunnel. Einige Campingplätze gibt es hier. Alle liegen direkt an den Ufern der Verdon. Am Camping Chasteuil Verdon Provence beschließen wir zu bleiben und können uns kaum entscheiden, wo wir unser Dachzelt aufschlagen wollen. So viele Stellplätze unter hohen Bäumen und gleichzeitig direkt am Wasser sind frei. Wir kurven etwas ziellos herum und irgendwann bleiben wir einfach stehen. Ein Platz ist so schön, wie der andere. In dieser Nacht begleitet uns endlich nicht mehr der prasselnde Regen, sondern nur das wilde Rauschen der Verdon in den Schlaf.

Am nächsten Morgen ziehen Nebelschwaden über den Fluss. Und als die Sonne hinter den Bergen auftaucht und mit voller Wucht den Nebel vertreibt, waten wir mit Bobby durch das eiskalte Wasser der Verdon. Schnell heizt sich die Luft immer weiter auf und wir kriegen einen Vorgeschmack auf die Côte d’Azur, wo es heute definitiv hingehen wird, denn wir haben für die nächste Woche eine Ferienwohnung in Cassis angemietet. Aber erst mal wird gefrühstückt und in die Landschaft geschaut und noch mal durch die Verdon spaziert und irgendwann im Laufe des Tages geht es weiter ans Meer – auf unserem Roadtrip nach Südfrankreich.

Bis bald von der Côte d’Azur!

Hier geht es zu meinen bisherigen Artikeln von unserem Roadtrip mit Hund und Dachzelt nach Südfrankreich

Zauberhafte Seealpen oder die Leichtigkeit des Reisens – Roadtrip nach Südfrankreich Teil 2

Einmal das Matterhorn sehen – Roadtrip nach Südfrankreich Teil 1

Juhu! Reisepläne! Mit Dachzelt nach Südfrankreich – unsere Route, unser Setup


4 Gedanken zu “Wow! Die Verdonschlucht. Roadtrip nach Südfrankreich Teil 3

  1. Ach wie schön, es werden Erinnerungen wach. In Moustiers-Saint-Marie haben wir damals übernachtet, Anfang November, das Wetter war noch warm und wunderbar. Ich konnte nicht schlafen, weil es so still war, dass ich dauernd das Blut in meinen Ohren rauschen hörte. Wir waren die einzigen Touristen. November ist für Franzosen keine Reisezeit.

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    1. Mir ist heute aufgefallen, dass wir an dem Tag gar nicht in Moustiers-Saint-Marie waren, sondern in Rougon (habe es gerade auch im Text geändert). Das ist ein winziges Nest oberhalb der Verdon Schlucht. Ich habe die beiden Orte beim Schreiben des Blogbeitrags verwechselt, da beide Orte auf meiner Karte eingekringelt waren. Aber dennoch: Moustiers-Saint-Marie ist wirklich sehr schön. Dort haben wir einen Zwischenstopp auf der Anreise zur Verdon Schlucht gemacht. Also haben wir zwar ein wenig aber doch nicht ganz aneinander vorbei geredet 😉 Liebe Grüße nochmal von Andrea

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