Gleich kommen uns Bilbo und Frodo Beutlin auf dem schmalen, von blühenden Büschen gesäumten Weg in der sanft hügeligen Landschaft entgegen, um dann lachend hinter der kleinen Tür im Berg zu verschwinden. Fast könnte man meinen, wir sind in Auenland, dem kleinen Paradies der Hobbits aus Herr der Ringe gelandet.

Aber wir befinden uns nicht in Mittelerde. Wir sind im Harz. Genauer gesagt sind wir in Langenstein bei Halberstadt am nordöstlichen Harzrand und besichtigen die Wohnhöhlen unter den Hügeln der Altenburg. Der Ort wirkt tatsächlich wie aus einer anderen Welt. Unsere Stimmung hebt sich. Unsere gerade erlebte Enttäuschung ist vergessen.

Ohne goldene Schuhe auf dem Weg zum Wanderkaiser

An diesem Tag traten wir die Reise in den Harz nicht zum Wandern an. Aber der kleine Rundgang durch die Höhlenwohnungen in Langenstein sollte eigentlich auf Kaiserschuhen erfolgen. Doch daraus wurde nichts. Bobby kam kurz vorher auf nackten Pfoten wieder aus der Touristeninformation in Blankenburg heraus. Was war passiert?

Seit zwei Jahren sammeln wir auf unseren Wanderungen im Harz die Stempel der Harzer Wandernadel. Auf dem Weg zu den insgesamt 222 Stempeln und der ersehnten Krönung als Harzer Wanderkaiser, liegt das Etappenziel „Kaiserschuh“. Was haben Bobby und ich uns gefreut, als wir den 150. Stempel ins Heft gedrückt haben! Der Kaiserschuh war erwandert.

Juhu! 150 Stempel der Harzer Wandernadel geschafft. Die Auszeichnung „Kaiserschuh“ haben Bobby und ich uns verdient.

Nun musste die Plakette nur noch feierlich abgeholt werden. So war unser Plan als wir am 1. Mai die 80 Kilometer nach Blankenburg in die Touristeninformation fuhren – und ohne Schuh wieder herauskamen.

Ach Harz, ich verzeih dir fast alles.

„Die Harzer Wandernadel hat heute nicht geöffnet“, sagte die Dame hinter dem Tresen mit Blick auf den benachbarten Stand, hinter dem alle meine ersehnten Trophäen lagern und auf dem ein kleines Schild mit der Aufschrift geschlossen stand. „Die Öffnungszeiten finden Sie im Internet“, setzte sie hinterher. Ich überlegte kurz. Ich hatte im Internet geschaut. Die Touristeninformation hatte geöffnet. Deswegen waren wir hier. „Die Internetseite des Touristenbüros?“ fragte ich. „Nein, die Harzer Wandernadel ist eine völlig andere Institution. Die sind hier nur im gleichen Raum.“

Aha, da ist er wieder: der Harz! Wieso bist du nur so kompliziert? Wieso hat die Harzer Wandernadel nichts mit dem Harz-Tourismus zu tun? Wieso kocht hier jeder sein eigenes Süppchen? Wieso lässt mich diese Dame mit lauter Fragezeichen zurück? Wiese verkauft sie mir nicht wenigstens eine hässliche Brockenhexe oder irgendetwas anderes, was mich über die Enttäuschung hinwegtrösten würde? Ach, was soll ich sagen? „Lieber Harz. Und ich mag dich trotzdem.“ (Hier geht es zur ganzen Story meiner (Selbst-) Kritik über den Harz.) Mit diesen Gedanken verlasse ich etwas ratlos mit leeren Händen, bzw. Füßen und ohne Kaiserschuh das Gebäude der Touristeninformation.

Sehenswürdigkeit ganz ohne Stempelkasten: Höhlenwohnungen bei Halberstadt

Enttäuscht (ich etwas mehr als Bobby) ging es ohne vergoldete Pfoten und Füße an einen Ort, den wir schon längst mal aufsuchen wollten. Nördlich von Blankenburg im Harz gibt es in Sandstein gehauenen Höhlenwohnungen. In der Ortschaft Langenstein, kurz vor Halberstadt folgten wir den Ausschilderungen ohne genau zu wissen, was uns erwartet.

Wenn da mal nicht gleich Frodo Beutlin aus der Tür tritt. Fast wie bei den Hobbits: Die Höhlenwohnungen bei Langenstein.

Es geht einen steilen, ausgewaschenen Hohlweg bergauf. Wir befinden uns unterhalb der Altenburg. Der Felsen aus Sandstein ist durchlöchert wie Schweizer Käse. Wenn man durch eines der Löcher in die Höhlen eintritt, eröffnen sich Wohnräume. Die Umgebung ist wunderschön. Bäume und blühende Büsche säumen die verwunschenen Wege, die durch das hügelige Gelände führen. Ganz oben, wo früher mal die Altenburg stand, hat man einen tollen Blick ins Harzvorland.

Überall Löcher in den Felsen: Eingänge zu den Höhlenwohnungen.
Dieser Topf blieb heute leider leer.
Auf dem Hügel der Altenburg hat man einen schönen Ausblick ins Harzvorland.

Höhlenstraße am Schäferberg: Wohnen wie die Hobbits

Die Runde in und um die Altenburg ist wirklich schön. Aber das ist noch nicht alles, was man in dem Örtchen Langenstein an Höhlenwohnungen besichtigen kann. Ein Stück weiter auf der anderen Seite der Hauptstraße gibt es am Schäferberg sogar eine ganze Straße mit Höhlenwohnungen. Hier tummeln sich dann auch etwas mehr Besucher und die Umgebung ist nicht ganz so verwunschen. Die Höhlen sind allerdings liebevoll eingerichtet. Ein Verein kümmert sich um die Anlage. Die Gärten sind gepflegt, das Kochgeschirr steht auf dem Herd und die Betten sind überzogen. Fast könnte man meinen, hier lebten noch Menschen. Und tatsächlich ist es gar nicht so lange her, das der letzte hier ausgezogen ist. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die Höhlen noch bewohnt. Ob es dort so lustig und gesellig zuging wie bei den Hobbits? Ich weiß es nicht. So romantisch die Höhlenwohnungen auf den ersten Blick aussehen, tatsächlich sind sie doch ziemlich feucht und dunkel.

Zu Besuch bei den Hobbits: Höhlenstraße auf dem Schäferberg in Langestein
Gardinen und Gartenzaun: Ob hier tatsächlich noch Menschen wohnen?
Leider nein. Auch hier gibt es keinen Snack obwohl der Tisch eingedeckt ist.
Hier kann man sich gemütlich niederlassen. Wenn es nur nicht so feucht wäre. Die grüne Verfärbung an den Wänden kommt von so etwas wie Algen.

Die Höhlenwohnungen in Langenstein bei Halberstadt sind eine echte Kuriosität und wirklich sehenswert. Der uns vorenthaltene Kaiserschuh war schnell vergessen. Wer will den schon solch unnützen Trophäen hinterherjagen?! Die Krone für den Wanderkaiser möchte Bobby aber schon haben, wufft er mir gerade von der Seite zu, während ich diese Zeilen schreibe. Aber bis dahin ist ja noch viel Zeit, um die Öffnungszeiten der Harzer Wandernadel im Internet zu checken ;-). Bis bald im Harz!