Bretagne – Leben wie Gott (mit Hund) in Frankreich

„Klein Britannien“ – die Bretagne war unser Plan B, nachdem wir unsere Reisepläne nach England wegen des Brexit-Chaos für dieses Jahr aufgegeben hatten. Und tatsächlich erinnerte mich bereits auf der Anreise vieles an Cornwall. Alte, bewachsene Mauern und urwüchsige Hecken begrenzen die Grundstücke und die schmalen Straßen. Rund um die aus Naturstein gebauten Häuser mit ihren bunten Fensterläden zieren Palmen und riesige Hortensienbüsche die Gärten. Der Einfluss der keltischen Einwanderer aus England ab dem 4. Jahrhundert n.Chr. ist spürbar und sichtbar. Eine Woche in der Normandie lag hinter uns, als wir Richtung Concarneau im Südwesten der Bretagne fuhren. Und ich ahnte, dass die Bretagne mein Herz im Sturm erobern könnte.

Concarneau an der Westküste der Bretagne: Touristen und Fische?

Am Pfingstwochenende kamen wir in der Hafenstadt Concarneau an. Es war bereits später Nachmittag und wir kurvten mit unserem vollbeladenen Auto durch die Hitze der kleinen Gässchen. Hier irgendwo war das Reisebüro, wo wir den Schlüssel zu unserem Ferienhaus abholen sollten. Städtisch, lebendig, bunt, fast mediterran mit den vielen Segelbooten – so war mein erster Eindruck von Concarneau. Aber ich fragte mich, ob das der richtige Ort ist, um eine entspannte Woche mit Hund zu verbringen. Ruhige Gassirunden? Begrünte Pinkelflächen?

„Da drüben ist ihr Ferienhaus.“

Die Dame im Reisebüro zeigte über den Hafen: „Da drüben ist ihr Ferienhaus.“ Und erneut quetschten wir uns durch die schmalen Gassen einmal quer durch die Stadt auf die andere Seite der Bucht. Dazwischen liegt nicht nur der Fischerei- und Jachthafen, sondern auch die Ville Close, eine mittelalterliche Festungsinsel. Erst nachdem wir das Ferienhaus gebucht hatten, las ich die Überschrift in meinem (Dumont) Reiseführer zu Concarneau: „Touristen und Fische“. Obwohl der erste Eindruck gefiel, blieb ich skeptisch im Hinblick auf den Entspannungsfaktor unseres bevorstehenden Aufenthaltes mit Hund in dieser Stadt.

Ville Close – Festungsinsel in Concarneau

Auf dem Zöllnerpfad von der Haustür weg und immer der Küste entlang

Das Ferienhaus war genau so schön wie auf den Fotos – der Blick von dort auf den Hafen und die Mauern der Ville Close, ebenso wie die moderne Einrichtung des alten Stadthauses. Aber das Beste wartete direkt vor der Haustür – der Zöllnerpfad. Fast 2000 Kilometer könnte man auf diesem Wanderweg entlang der gesamten Küste der Bretagne weiter gehen – immer mit Blick auf das Meer. Der Zöllnerpfad (auch GR 34 genannt) wird uns noch während unseres gesamten Aufenthaltes in der Bretagne begeistern, aber nun waren wir erst einmal auf unserer ersten Gassirunde in Concarneau. Entlang von schmucken Wohnhäusern durch einen lichten Kiefernwald gingen wir bis zur nächsten Bucht. Viele sind hier mit Hund unterwegs, die meisten ohne Leine. Bobby musste sich ab und zu mal aufregen. Aber meistens unterlag er dem Charme seiner französischen Artgenossen und blieb außergewöhnlich höflich und gelassen. Bretagne mit Hund – das könnte richtig gut zusammengehen.

Unser zu Hause für die nächste Woche
Direkt vor unserer Haustür …
… geht’s gleich los auf dem Zöllnerpfad
… zur ersten Gassirunde.
Concarneau

Ville Close in Concarneau: Ein tierisch vegetarisches Gallette und ein paar Tassen Cidre

Fast hätten wir eine unserer Regeln gebrochen. Nach einem längeren Reisetag lassen wir grundsätzlich das Auto für mindestens einen Tag stehen. Es war Pfingstsonntag und mit Hund meidet man an solchen Tagen touristische Hotspots eigentlich und Städte an sich sowieso. Aber wir sind ja vor Ort und wir starteten früh. Die kleine Personenfähre brachte uns für einen Euro in wenigen Minuten in die gegenüberliegende Ville Close, die mittelalterliche Festungsinsel und zugleich touristischer Anziehungspunkt von Concarneau. Die Gassen waren noch recht leer und es gab überraschend viel Grün. Sogar ein kleines Wäldchen zieht sich entlang der Stadtmauer.

Schnell füllte sich die kleine Festungsinsel mit Menschen. Aber wir wollten nicht gehen, ohne endlich einen Cidre aus Tassen getrunken und das berühmte bretonisches Gallette gegessen zu haben. Wir wurden innerhalb der Ville Close fündig: eine kleine Crêperie in einer ruhigen Seitenstraße, die Tische groß genug, um Bobby sicher unterzubringen, überspannt von schattenspendenden Sonnenschirmen. Die Auswahl an Gallettes war riesig und die Speisekarte ausschließlich auf französisch. Von meinen sieben Jahren Schulfranzösisch ist leider so gut wie nichts übrig geblieben. Aber ich wollte in der Landessprache sprechen. Mir gefällt die Sprache, der Klang, die Worte – das sah ich leider in der Schulzeit überhaupt nicht so.

„Cinquante Centilitres Cidre, s’il vous plait.“ Diese wichtigen Worte hatte ich bereits gelernt. Die Kellnerin verstand mich und brachte die Karaffe Cidre mit zwei Teetassen. Wunderbar. Bei dem Versuch, uns die Speisekarte zu erklären, musste sie sich dann Hilfe beim englisch sprechenden Chef holen. Überaus freundlich erklärte er uns die verschiedenen Größen der Gallettes aus „blé noir“ (Buchweizen) und verwies darauf, dass man sich aus allen Zutaten auch individuell etwas zusammenstellen könne. Ich bin zwar keine Vegetarierin, fragte aber nach einer vegetarischen Variante. Er zeigte auf das mit Ei, Champignons, Zwiebeln und Tomate. Noch war ich unentschlossen und sagte „Non“, um noch mal selbst die Karte zu studieren. Ich las unter anderem „Andouille bretonne fromage“ – eine Auswahl bretonischer Käse kann das nur heißen – lecker, das nehme ich. Wolfgang sagte noch: „Schau doch bei Google, was das heißt.“ „Ich will jetzt einmal nicht mein Handy herausholen“ entgegnete ich und wir bestellten – Wolfgang das vom Chef empfohlene Gallette, ich meine eigene Auswahl.

Gallette de blé noir mit ein paar Tassen Cidre. Wunderbar. Das ist die Bretagne.

Bereits der erste Bissen war grauenvoll. Ich hatte keine Ahnung, nach was das schmeckte, was ich da auf dem Teller hatte – irgendetwas zwischen fischig, fleischig, fermentiert, verdorben. Ich pulte runde Stücke, die aus Spaghetti ähnlichen dünnen Würsten geformt waren, aus meinem Gallette. Ich lächelte den Wirt an und nickte, als der mit einem etwas skeptischen Blick fragte, ob alles in Ordnung sei. Später las ich im Reiseführer unter der Kategorie Essen und Trinken: „Andouille ist eine aus Fettdärmen gewickelte Kaldaunenwurst (nicht jedermanns Sache).“ Oh je! Erst frage ich nach einem vegetarischen Crêpes, lehne hochmütig die Empfehlung des Chefs ab und dann bestelle ich Pansenwurst! Es wundert mich nicht, dass der Wirt mich daraufhin etwas befremdlich beäugt hat. Der Teller war aber trotzdem brav aufgegessen. Dass Bobby beim Abräumen des Tisches genüsslich unter dem Tisch schmatzte, hat der Chef des Hauses hoffentlich nicht bemerkt …

Wir probierten während unseres einwöchigen Aufenthaltes in Concarneau noch einige Köstlichkeiten und lokale Spezialitäten. Ja, in der Bretagne kann man es sich schon gut gehen lassen – wie Gott in Frankreich 😉

Im Westen der Bretagne unterwegs auf dem Zöllnerpfad

Tagsüber erkundeten wir allerdings meistens die nähere und weitere Umgebung. Wir besuchten die wild-romantische Halbinsel Crozon und wir blickten vom westlichsten Punkt Frankreichs am Cap du Raz über den Atlantik. Immer waren wir auf dem Zöllnerpfad unterwegs und doch zeigte uns die Küste stets ein überraschend neues Gesicht. Und was ich bereits ahnte, bestätigte sich: Die Bretagne ist alles andere als ein Plan B. Sie ist ein echter Herzensbrecher. Von unseren Wanderungen und Ausflügen an die Westküste der Bretagne gibt es bald mehr zu lesen und zu sehen. Für alle Neugierigen hier schon mal ein kleiner bebilderter Vorgeschmack:

(Aktualisierung: Hier geht es zum Bericht über unseren Ausflüge an die Westküste der Bretagne : Einladung zur Langsamkeit – Wandern in der Bretagne)

Abends kamen wir aber immer gerne in unser kleines Ferienhaus in Concarneau zurück. Nach einer letzten Gassirunde auf dem Zöllnerpfad genossen wir mit einem Glas Cidre in der Hand den Blick über den Hafen auf die gegenüberliegende Stadtmauern der Ville Close und schauten der Sonne beim untergehen zu.

Bretagne und Concarneau  zum Weiterlesen : Blogs und Co

Sigrid hat letztes Jahr die Bretagne mit dem Wohnmobil erkundet und hat viele inspirierende Berichte mitgebracht. Sie war unter anderem in Concarneau auf den Spuren von Kommissar Dupin unterwegs. Übrigens: Danke, liebe Sigrid, für den Tipp mit den Gallettes und dem Cidre in der Ville Close! Unschlagbar 😉


13 Gedanken zu “Bretagne – Leben wie Gott (mit Hund) in Frankreich

  1. (Bin zwar ungern der unmittelbar nach Kollege L. folgende Kommentator, aber da muss ich jetzt drüberstehen und heut kann ich das, weil ich eh schon gegen alles imprägniert bin…)
    Eure Reise hab ich ja ohnehin täglich mitverfolgt, die tollen Fotos genossen und mich für euch gefreut, dass ihr’s so gut erwischt habt! Aber die Story mit der Pansenwurst ist der Brüller, doe hat mir gerade das vermutlich erste Lachen des Tages in die Mimik geritzt. So ist Reisen und solche Erlebnisse sind einfach klasse (so sehr ich dir den Ekel beim Reinbeißen in dieses Zeug auch nachfühlen kann, nur gut, dass du die mobile Kompostieranlage gleich unterm Tisch hattest).
    Erinnerte mich gleich an meine erste Schwedenreise: die haben da Milchprodukte-Regale in einer Länge und Breite, wie man das hier nicht kennt. Zig mal mehr Sachen gibt’s da, in unterschiedlichen Fett- und Sonstwas-Stufen. Ich schaute nach einer Milch im Tetrapack, das Dumme war nur: der Großteil der Produkte war im Tetrapack verpackt. Und dann hab ich’s genauso gemacht wie du und aus dem Wort, das draufstand, meine naiven Rückschlüsse gezogen und am nächsten Morgen kippte ich mir so was Ähnliches wie Buttermilch in den Kaffee. Flockte sofort aus, alles ungenießbar natürlich – und ich hatte was fürs Leben gelernt: filmjölk heißt nicht etwa Vollmilch, sondern bezeichnet eine Art Dickmilch, von der Konsistenz ungefähr sowas wie Buttermilch, nur noch dickflüssiger.
    Dabei sind die Schweden oft so nah am Deutschen: Quark heißt nämlich kvarg.
    Soweit mein Senf zu deiner Pansenwurst.
    Alles Liebe aus München von Natascha

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    1. Unter den „Vorzeichen“ freue ich mich umso mehr über deinen Kommentar 😉 Und noch mehr freut es mich, dass ich dich mit meiner Pansenwurst-Geschichte zum Lachen gebracht habe! Wolfgang und ich habe auch noch oft über diese Story gelacht. Besonders weil ich mich gerne als echten Kosmopolit sehe, aber immer wieder darauf gestoßen werde, dass ich nix von der Welt verstehe und auch leider kaum eine Fremdsprache (mehr) wirklich beherrsche. Aber wie du sagst, was wäre eine Reise ohne diese Erlebnisse? Französisch will ich jetzt trotzdem mal wieder auffrischen. Die Bretagne sieht uns nämlich ganz bestimmt wieder. Oder vielleicht doch Schweden? Mit Buttermilch hätte ich leben können 😉 Wer weiß?! Ich bin sehr gespannt auf deine Berichte aus Gotland. Ganz liebe Grüße zurück nach München

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  2. Ach, du weckst in mir die Sehnsucht wieder in die Bretagne zu fahren. Wobei mein Lieblingsort Carnac ist und die vielen Strände dort.
    Aber du hast Cocarneau ganz toll vorgestellt und deine Fotos zeigen die Schönheit dieser Rwgion. Was die Innereien betrifft, kann ich ein Lied davon singen. Vor Jahrzehnten haben wir mal dieses grausige Zeug in einer Blumenvase entsorgt, um dem Wirt nicht zu enttäuschen. Dafür schäme ich mich heute noch, aber ist verjährt hoffentlich, LG Sigrid

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    1. Ja, das habe ich in deinem Blog gelesen, dass du so begeistert von Carnac bist. Wir dachten, Concarneau wäre ein guter Ausgangspunkt, um sowohl den Westen mit der Halbinsel Crozon, sowie auch den Süden bis Carnac von dort aus zu erkunden. Aber wie so oft, war die Zeit zu kurz. Aber ein Wiedersehen mit der Bretagne ist garantiert. Die Story mit der Blumenvase ist ja auch genial! Gut, dass ich immer einen Allesfresser (zumindest was so ekliges Zeug angeht, habe den Eindruck, das liebt Bobby besonders) dabei habe 🙂
      Liebe Grüße von Andrea

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  3. Eine Region ganz nach meinem Geschmack, jedenfalls was das Auge betrifft 😁 Was das auf dem Teller angeht, hätte ich in F auch ab und an auch einen Hund gebraucht. 😏 Meine Französischkenntnisse sind leider ebenfalls total verschütt gegangen. Und ich finde es immer unangenehm, im Restaurant die Speisekarten mit irgendeinem Hilfsmittel übersetzen zu müssen. Experimentierfreudigkeit ist leider risikobehaftet! Toller Bericht von Dir!

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    1. Oh ja, die Bretagne hat viel zu bieten fürs (fotografische) Auge! Und auch ich finde, dass man die technischen Hilfsmittel öfter mal weglassen sollte. Manchmal muss ich mich tatsächlich selbst daran erinnern, dass man auch Menschen nach dem Weg fragen kann und nicht als erstes auf das Handy schaut. Aber auch das ist natürlich mit einem erhöhten Risiko behaftet, steigert aber dafür den Erlebnisgrad ungemein 😉
      Danke für deinen netten Kommentar und liebe Grüße!

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    1. Die Halbinsel Crozon (und überhaupt die Bretagne – wir haben ja noch mal den Standort gewechselt, darüber dann in einem der nächsten Berichte mehr) wäre ganz bestimmt auch was für euch! Einfach traumhaft. Ich hätte echt nicht erwartet, dass die Küste so abwechslungsreich und spektakulär ist. Und zudem der absolute Hit für Fans des zu Fuß am Meer entlang Gehens 😉
      Liebe Grüße von Andrea

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