Einfach Ardèche – Roadtrip Südfrankreich letzter Teil

Wanderkarten, Prospekte und Reiseführer liegen vor mir über den Esstisch verteilt. Je mehr ich darin stöbere, desto nervöser werde ich. Nie schaffen wir in den verbleibenden drei Tagen unserer Reise durch Südfrankreich auch nur ansatzweise das zu entdecken, was die Region Ardèche, die nach dem gleichnamigen Fluss benannt ist, alles zu bieten hat: Wandern, entlang der tiefen Schlucht, an dessen Rändern sich die weißen Kalkkegel bizarr auftürmen. Romantische Dörfer besuchen, die mit ihren Häusern in den hohen Felsen zu kleben scheinen. Mit dem Kanu durch die beeindruckende Felsenbrücke Pont d’Arc paddeln. Und, und, und. Ich will sofort raus und los. Aber ich muss auf Wolfgang warten. Während ich in unserer Ferienwohnung Wanderrouten und Ausflugsziele für unseren Aufenthalt in der Ardèche recherchiere, besichtigt er die nahegelegene Chauvet Höhle. Er war ganz begeistert, als er von dem Besucherzentrum und dem einzigartigen Nachbau der 1994 entdeckten Grotte Chauvet – Pont d‘Arc erfuhr, die zu den weltweit bedeutendsten archäologischen Funden zählt und 2014 als Weltkulturerbe ausgezeichnet wurde. „Lass dir Zeit“, sagte ich noch ganz entspannt als er heute früh mit dem Auto losfuhr. Jetzt sehe ich plötzlich unsere Urlaubszeit durch die Finger rinnen und frage mich ungeduldig mit Blick auf die Uhr, wie man sich nur so viele Stunden irgendwelche Nachahmung von alten Steinen anschauen kann.

Da draußen vor dem Fenster unserer Ferienwohnung wartet die Ardèche …

Weinberge entlang der Rhône

Als wir von Cassis an der Côte d’Azur aufbrachen, hatten wir noch keinen genauen Plan für die letzte Woche unseres Roadtrips durch Südfrankreich. Zwei Tage verbrachten wir in der Camargue, „im Süden Frankreichs, dort, wo sich die Rhone ins Meer ergießt, ein Land, wie die Wüste fast so einsam und menschenleer.“ (aus: „Der weiße Hengst“ von Albert Lamorisse). Dann schlugen wir unser Dachzelt auf dem Campingplatz mit dem vielversprechenden Namen „L’Art du Vivre“ in Châteauneuf du Pape auf. Dort liefen wir durch endlose Weinberge und besichtigten historische Gemäuer. Aber auf dem Campingplatz gab es nicht nur die schlechtesten Croissants, die wir bisher in Frankreich gegessen hatten, auch alles andere ließ darauf schließen, dass der Besitzer die Kunst des Lebens für sich selbst perfekt beherrscht aber darüber die Gäste schon mal vergisst. So fuhren wir nach einer Nacht erst mal weiter – nach Avignon.

Eine Nacht in Avignon

Der Campingplatz in Avignon liegt perfekt gegenüber der Altstadt. Mit einer kleinen Personenfähre, die kostenlos über die Rhône pendelt, schipperten wir vorbei an der berühmten Brücke von Avignon bis zum Fuße des großen Geländes rund um den Papstpalast. Über eine steile Treppe ging es hoch in die weitläufigen Gartenanlagen. Dort spazierten wir über verwunschene Wege und blickten von großen Aussichtsterrassen bis weit über Avignon hinaus auf die rechts und links der Rhône sich erhebenden Weinberge bis zu dem fast 2000 Meter hohen Mont Ventoux.

Als wir zurück zum Campingplatz schlenderten, dämmerte es bereits und die Rhône mit der Brücke, dem Papstpalast und der Altstadt leuchteten in den verschiedensten Pastelltönen. Bobby verschlief den Sonnenuntergang, während wir noch lange auf einer Bank am Ufer der Rhône saßen und den Anblick genossen.

Roadtrip durch Südfrankreich: Weiterreisen?

Als wir an unserem kleinen Dachzeltcamper ankamen war die Nacht bereits angebrochen. Wir hatten keine Lust mehr, wie eigentlich geplant, noch zu kochen. Voll mit wunderbaren Eindrücken spürte ich dennoch eine gewisse Leere. War es das nahende Ende unserer Reise? Seit wir von Cassis an der Côte d’Azur aufgebrochen sind, waren wir jede Nacht woanders. Jeder Ort war für sich genommen wunderschön. Aber die Leichtigkeit, die ich in den ersten Wochen unseres Roadtrips empfand, fehlte plötzlich. Ich spürte ein mir bekanntes und unangenehmes Gefühl: Zeitdruck. Wolfgang und ich saßen leicht fröstelnd im Dunklen vor unserem Dachzelt. Bobby hatte sich längst in seine geliebte Höhle im Kofferraum zurückgezogen. Bei einem Bier entschieden wir, dass wir für die letzten drei Tage noch einmal irgendwo „ankommen“ möchten. Nicht nur in Etappen nach Hause fahren und dabei möglichst viele Sehenswürdigkeiten abklappern. Und wir wollten noch mal eine Ferienwohnung anmieten. „Was ist mit der Ardèche?“ schlug Wolfgang vor. „Dort soll es doch fantastische Natur geben.“ „Klingt gut“. Am nächsten Tag wachten wir mit Blick auf den Papstpalast von Avignon auf. Dann ging es weiter – Richtung Ardèche.

Ardèche: Glücksgriff Vallon Pont d’Arc

An diesem ersten Morgen in der Ardèche will ich nicht mehr länger auf Wolfgang warten. Mich zieht es raus. Das hübsche Steinhaus, in dem sich unsere Ferienwohnung befindet, liegt direkt in der Altstadt von Vallon Pont d’Arc. Draußen schlägt mir und Bobby die Mittagshitze entgegen. Die Straßen sind leergefegt. Wie überall in Frankreich sind die Geschäfte von 12 Uhr bis 15 Uhr geschlossen. Gestern Abend war mehr los. Nachdem wir unsere Wohnung bezogen hatten (vermittelt durch die ausgesprochen nette Dame im Tourismusbüro von Vallon Pont d‘Arc), sind wir durch die kleinen Gässchen der Stadt spaziert. Die Restaurants waren alle gut besucht. Wir ergatterten noch einen Platz. Wir aßen eines der Tagesmenüs. Sehr Französisch. Durchaus interessant. Einfach lecker. Das kleine Örtchen Vallon Pont d’Arc ist ein Glücksgriff, das spürten wir sofort.

Wandern in der Ardèche: Sentiere de Châmes und Pont d’Arc

Während ich überlege, welchen Weg ich zum Fluss Ardèche einschlagen möchte, klingelt mein Handy. Wolfgang hat seine Höhlenbesichtigung (die übrigens total lohnenswert sein soll!) beendet und ist wieder zu Hause. Ohne viel Zeit zu verlieren, zieht es uns erneut in die Schlucht der Ardèche. Bereits gestern bei der Anreise hatten wir einen Stopp am beeindruckenden Felsentor Pont d’Arc eingelegt.

Über die Panoramastraße entlang der Ardèche Schlucht fahren wir heute noch etwas weiter in die Schlucht hinein und parken ein paar hundert Meter hinter der Pont d’Arc am winzigen Ort Châmes. Entlang eines Seitentals gehen wir auf dem schmalen Wanderpfad Sentiere de Châmes stetig aufwärts. Auf der einen Seite ragen weiße Kalkkegel aus den dicht bewachsenen und saftig grünen Hängen gen Himmel. Auf der anderen Seite blicken wir Richtung Tal und manchmal sehen wir die Ardèche durch die Bäume blitzen. Absolute Ruhe umgibt uns und die Natur zeigt hier ihre einzigartige Harmonie, die meine Seele so gut beruhigen kann.

Ardèche Schlucht

Aber die Sonne brennt und es zieht uns Richtung Wasser. Wir kehren um. Unten im Tal der Ardèche angekommen, schlagen wir uns über schmale Pfade durch die Wildnis, waten durch kleine Bachläufe und finden einen kleinen Kiesstrand, von dem aus wir die vielen Paddelboote beobachten. Das ist bestimmt das beste Fortbewegungsmittel in der Ardèche. Es gibt unzählige Bootsverleihe. Und man darf sogar seinen Hund mitnehmen. (Hier bei meiner Bloggerkollegin Steffi von The Vandogblog nachzulesen.) Dafür reicht unsere Zeit diesmal nicht, woran ich aber gerade gar nicht denke.

Rundwanderung in der Ardèche: Steine und Wasser bei Labeaume

Am nächsten Morgen brummt uns ein wenig der Schädel. Und auch noch etwas später, während unserer Wanderung bei Labeaume, einem kleinen Ort am Fluss La Beaume, der ein Seitenarm der Ardèche ist, spüren wir, dass uns der gestrige Abend in den Knochen steckt. Wir haben Pasta gekocht, Côte du Rhône getrunken, Jacques Brel gehört, getanzt, gesungen. Gestern noch nicht an heute gedacht – das hat man nun davon 😉

21 “Villages de caractère d’Ardèche“ gibt es. Und Labeaume ist wahrlich ein Dorf mit Charakter. Durch ein Labyrinth aus Gassen und Treppen gehen wir durch das Dorf, das in die steilen Felsen gehauen ist und dann auf einer etwa 11 km lange Rundwanderung unter dem Thema „La pierre et de l’eau“ völlig fasziniert an alten Terrassengärten vorbei, für dessen Anlage mühselig die Steinplatten abgetragen wurden, um die karge Landschaft nutzbar zu machen

Auf dem „Weg der Steine und des Wassers“ wandern wir entlang unzählige Dolmengräber, über zugewachsene Hohlwege, steinige Ebenen und durch fast verlassene Dörfer, bis wir die Ufer des Flusses La Beaume erreichen. Beinahe wie in einem Märchenland steigen die für die Ardèche so typischen weißen Kalktürme aus dem grünleuchtenden und glasklaren Wasser in den tiefblauen Himmel empor. Riesige Steinplatten wurden über Jahrtausende vom Fluss wie Sonnenterrassen aus den Felsen gespült. Wahnsinn, die Ardèche! Diese Region hatten wir gar nicht so auf dem Plan. Aber was hätten wir verpasst, wenn wir nicht noch hier gelandet wären?

Paradiesisch, die Ardèche!

Roadtrip Südfrankreich: Immer wieder ankommen.

Am nächsten Tag geht es dann tatsächlich Richtung Deutschland. Eine Nacht verbringen wir noch in Frankreich, wo es ab heute schwieriger geworden ist, einen Campingplatz zu finden. Es ist der 1. Oktober. Die Saison ist vorbei. Wir übernachten in Besancon, der „grünsten Stadt Frankreichs“. Viel gäbe es auch hier wieder anzuschauen und zu entdecken. Aber nach 3 ½ Wochen ist unser Urlaub vorbei. So essen wir morgens ein letztes Mal vor unserem kleinen Dachzeltcamper frische französische Croissants. Während Bobby in seiner Höhle im Auto döst, genießen wir im Dunst des beginnenden Tages die Ruhe und den Duft des draußen Seins.

Bis jetzt war noch keine meiner Reisen so lang, dass ich dachte: Jetzt reicht es. Immer noch habe ich den Traum, einfach mal ohne Zeitlimit unterwegs sein zu können. Bis dahin wird wahrscheinlich jede Reise, egal wie lang sie ist, immer am Ende zu schnell vorbei sein. Und genau dann, wenn dieses Gefühl aufkommt, sollte man einfach nochmal stehen bleiben. Ankommen. Bleiben. Auch wenn es nur für einen Moment ist. Oder für ein paar Tage in der Ardèche. Bis bald! Wieder auf Reisen …

Links und Blogs zu unseren Wanderungen in der Ardèche

Zu der Wanderung in der Ardèche Schlucht bei Châmes hat mich der Artikel von Hilke inspiriert: Unterwegs in den Schluchten der Ardèche. In ihrem Blog: „Mein Frankreich“ finden sich aber auch viele weitere tolle Berichte, Tipps und Reiseinspirationen aus Frankreich. Eine echte Empfehlung!

Meine GPX-Daten unserer Wanderungen in der Ardèche findest du auf Komoot (Anmeldung ist nicht nötig, einfach runterscrollen):

Wandern in der Ardèche: kleine Runde von Châmes an der Pont d’Arc

Ardèche: Rundwanderung bei Labeaume „Steine und Wasser“

3 1/2 Wochen. 3000 Kilometer. Mit Dachzelt und Hund nach Südfrankreich: Unsere Route

Alle meine Blogartikel von unserem Roadtrip nach Südfrankreich – über die Alpen an die Côte d’Azur


8 Gedanken zu “Einfach Ardèche – Roadtrip Südfrankreich letzter Teil

  1. Ich liebe es auch an einem Ort zu sein, anzukommen, aber auch das in der Bewegung leben ist toll. Beides haben wir schon gemacht. Mehrtageswanderungen habe ihren Reiz, aber auch Wanderungen um einen Standort. Im Mai geht es wieder ein paar Tage nach Thassos. Da ist kein ankommen nötig, wir waren dort schon so oft, ja es ändert sich immer wieder was, aber insgesamt benötigen wir keine Zeit zum orientieren. Das hat auch was gemütliches. Im September soll es dann, so hoffe ich, auf eine Mehrtagestour nach Schottland gehen. Das ist dann das andere Extrem

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    1. Ja, ich mag auch beides. Und wahrscheinlich ist zu Fuß gehen das beste oder sogar einzige Tempo, um gleichzeitig fortzukommen und anzukommen. Das ist auch das tolle an Mehrtageswanderungen finde ich. In diesem Sinne wünsche ich euch eine wunderbare Zeit in Schottland – auch noch ein Wunschziel für mich. Liebe Grüße, Andrea

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  2. So toll, dein Reisebericht von der Ardèche! Obwohl ich mir im Moment aus verschiedenen Gründen gar nicht mehr recht vorstellen kann, mal wieder mehrere Wochen am Stück und in die Ferne zu reisen, ist die Ardèche jetzt definitiv auf meiner Liste der Reiseziele. Die Zeiten werden sich auch wieder ändern! Liebe Grüße, Lotte

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