Palatschinken im Paradies oder: unsere kleine, heile Welt auf der Insel Rab

Es ist Bora vorhergesagt. Diese, für die kroatische Küste so typischen Fallwinde, gehören zu den stärksten der Welt und bringen meist kühle Temperaturen und Regen mit sich. In der Kvarner Bucht, am Fuße der mächtigen Karstfelsen des Velebitgebirges, können die Böen Geschwindigkeiten von bis zu 250 km/h entwickeln. Seitdem wir auf der Insel Rab angekommen sind, geht unser Blick immer wieder auf die kargen Felsrücken des Nationalparks Nördliches Velebit, die am nahegelegenen Festland bis über 1600 Meter hoch aufragen. Dunkle Wolken brauen sich über den Bergen zusammen, während wir in der Sonne sitzen. Das Meer in der Bucht des kleinen Örtchens Supertarska Draga ist leicht aufgewühlt und leuchtet durch das Sonne-Wolken-Spiel in den unterschiedlichsten Blau- und Türkistönen. Am Jachthafen werden die Boote aus ihrem Winterquartier zu Wasser gelassen Es ist Anfang Juni, eine Woche vor Pfingsten. Man rüstet sich für die Sommersaison.

Ankommen in Kroatien: Holperstraßen und zwei Dosen kaltes Bier in Supertarska Draga

Über die holprigen Betonplatten der sehr steilen und noch viel schmaleren Straße kurbelten wir gestern vorbei an alten Obstgärten, verfallenen Schuppen und auf Mauern dösenden Katzen. Wir zweifelten bereits daran, dass es hier tatsächlich zu unserem Ferienhaus gehen würde, als wir am Ende der Straße eine blühende Oase erreichten. Marika, unsere Vermieterin, winkte uns zu.

Das Haus, das durch An- und Nebenbauten wohl immer wieder erweitert wurde, ist eigentlich viel zu groß für zwei Personen und einen Hund. Das hat sich wohl auch Marika gedacht. Einige Räume sind abgeschlossen. Im Altbau fällt durch die kleinen Fenster nur wenig Licht und selbst im Hochsommer ist es hier zur Mittagshitze bestimmt angenehm kühl. Draußen gibt es eine Sommerküche mit einem riesigen Grill. Zwei Dosen Bier hat sie für uns eingekühlt, sagte Marika und wünschte uns eine gute Zeit. Sie wohne mit ihrer Familie dort drüben auf dem nächsten Hügel, falls wir etwas bräuchten. Sie zeigte nicht ganz ohne Stolz auf ein stattliches Haus, umgeben von gelb leuchtenden Ginsterhängen.

Dann war sie weg und wir öffneten die eiskalten Bierdosen. Um uns herum zirpte und duftete es. Ab und zu krähte ein Hahn und von irgendwo antwortete ein anderer. Ich fühlte mich an längst vergangene Tage erinnert – an schier endlos lange Sommerurlaube mit meinen Eltern im damaligen Jugoslawien.

Einen kurzen Moment dachte ich an die Nachrichten, die ich seit der Coronapandemie und nun mit dem schrecklichen Krieg mitten in Europa, ständig auf allen möglichen Kanälen verfolge, wahrscheinlich von der absurden Hoffnung getrieben, unmöglich Begreifbares irgendwann verstehen zu können. Seit gut einer Woche sind wir unterwegs, über Salzburg mit Zwischenstopps in den wilden slowenischen Alpen und dem märchenhaften Nationalpark Plitvicer Seen. Der Blick auf das Handy diente seitdem nur der Navigation oder der Wettervorhersage. Keine Nachrichten von Toten und Gefallenen. Keine Diskussionen über Kriegsstrategien und Waffenlieferungen. Keine täglich neuen Krisenankündigungen. Keine zermarternden Fragen nach dem Warum. Ich vermisste Nichts. Die Welt ist unbegreifbar. Schön.

Küstenwandern auf Rab: Vom Paradies bis in die Sahara auf der Halbinsel Lopar

In den nächsten Tagen bringt die Bora tatsächlich unbeständiges und kühleres Wetter mit sich. Wir machen einen Ausflug nach Lopar, wo Karussells aufgebaut und Souvenirbuden bestückt werden. Man bekommt eine Vorahnung, was hier im Sommer los sein wird. Nichts für uns, schon gar nicht mit Hund. Aber jetzt, in der Vorsaison und noch dazu bei wolkenverhangenem Himmel, verirrt sich sogar am Wochenende kaum jemand hierher. Und Bobby ist im „Paradies“ – im wahrsten Sinne des Wortes – er tobt über den angeblich berühmtesten Sandstrand Kroatiens, dem 1,5 km langen Paradiesstrand.

Vom „Paradies“ wandern wir auf der kleinen Halbinsel Lopar entlang der Küste über karge Felsen und hohe Klippen, passieren immer wieder kleine Buchten mit Sandstränden, nehmen zwischendurch ein sehr erfrischendes Bad im von der Bora ordentlich abgekühlten Meer, bis wir die „Sahara“ erreichen. Ja, bei den für kroatische Verhältnisse riesigen Sandstrände hier auf Rab, kann man bei der Namensgebung schon mal etwas dicker auftragen.

Am Abend regnet es. Wir gehen in die Konoba „Gondola“, direkt am Hafen von Supertarska Draga, wo wir uns nach zwei Tagen bereits als Stammgäste fühlen. Es tut einfach gut, solche Ankerplätze zu haben, besonders wenn der Ausblick auf das Meer so schön und ist, und das Essen so lecker, dass ich prompt meinen Ernährungsplan (kein Getreide, wenig Zucker) über Bord werfe und stattdessen eine neue Regel aufstelle: ein Tag ohne Eis-Palatschinken ist ein verlorener Tag 😉

Inselhauptstadt Rab: Spaziergang mit Postkartenmotiven

Bevor nach drei Tagen die Bora und die Wolken und damit auch die (angenehm) niedrigen Temperaturen verschwinden, statten wir noch der Inselhauptstadt Rab einen Besuch ab, die durch das Postkartenmotiv, den vier hintereinander gestaffelten Kirchtürmen, berühmt geworden ist. So steht es in unserem Reiseführer, laut dem Rab sogar die „schönste Inselhauptstadt der Kvarner Bucht“ sein soll. Und tatsächlich gibt es viel Historisches zu betrachten und zu bestaunen in den kleinen Gassen der Altstadt. Bobby gefällt es allerdings am besten im großen Stadtpark, von dem aus man durch die alten Bäume aufs Meer blicken kann.

Bootstour mit Hund: Feuertaufe für Kapitän Bobby

Am nächsten Tag liegt das Meer spiegelglatt da. Nur ein paar Dekowolken zieren den Himmel. „Ein idealer Tag für einen Bootsausflug“, meint Wolfgang. Er verfolgt seinen Traum, irgendwann mal gemeinsam mit Bobby segeln zu gehen – ein leidenschaftliches Hobby von ihm, das er bisher ohne mich und vor allem ohne Bobby ausübt. Ich bin eher skeptisch, ob das eine so gute Idee ist, mit Bobby ein Motorboot auszuleihen: Zu laut, zu heiß, zu wenig Platz, wie kommt er an Bord und wie wieder runter?“ Einfach ausprobieren!“ ist Wolfgangs Antwort.

Ganz vorsichtig steigt Bobby vom Steg auf die schmale Reling und dann über das Dach der kleinen Kajüte ins Boot. Es gefällt mir, mit welcher Ruhe er sich mittlerweile auf unbekanntem Terrain bewegt. Ganz anders als früher. Ich möchte gar nicht daran denken, dass er mit seinen acht Jahren langsam alt werden könnte – höchstens etwas vernünftiger. Das Schwanken ist ihm am Anfang gar nicht geheuer aber immer häufiger streckte er seine Nase in den Fahrtwind. An einer der vorgelagerten Inseln von Supertarska Draga ankern wir. Um nichts in der Welt würde Bobby ins Wasser springen. Als wir das (abwechselnd) tun, beschwert er sich lautstark, um uns dann freudestrahlend wieder an Bord zu begrüßen.

In der Nachbarbucht machen wir am Steg fest. Bobby darf am Strand toben und dann brausen wir (oder besser: tuckern wir mit dem langsamsten Boot des Verleihers) über das glasklare Meer zurück. Bobby schläft entspannt in der schattigen Kajüte. Die Feuertaufe Bootfahren hat er mit Bravour gemeistert.

Die grüne Insel Rab: Wandern im Naturpark „Dundo“

Eines der Wanderhighlights auf Rab ist der „Dundo“, einer der mittlerweile selten gewordenen Steineichenwälder. Auf der Halbinsel Kalifront, die an ihrer Küstenlinie mit etlichen versteckten Badebuchten lockt, führt der der 15 Kilometer lange Lehrpfad Capo Fronte durch diesen besonderen Wald. Die Äste der immergrünen Bäume erinnern beinahe an eine Art Schlingpflanze – dicht und lichtarm sind die Charakteristika dieser Wälder. Schön schattig aber auf Dauer etwas langweilig – das ist unser Resümee nach ein paar Kilometern auf einem breiten Forstweg – und wir brechen die Wanderung ab.

Halbinsel Kalifront: (Post-) sozialistische Feriensiedlung und traumhafte Badebuchten

Auf der Suche nach Meer und Sonne landen wir auf der Halbinsel Kalifront in der Feriensiedlung Suha Punta. Eine skurrile Mischung aus kieferngesäumten Badebuchten, kargen Betonstränden mit sozialistischen Zweckbauten, einer modernen Hotelanlage und überwucherten Appartementruinen, die sich als Lost Place im hohen Pinienwald verstecken. Irgendwie schräg das Ganze.

Suha Punta ist bestimmt nicht „einer der schönsten Plätze“ auf der Insel Rab, wie ich es im Reiseführer lese, aber die Halbinsel Kalifront mit ihren unzähligen Buchten ist es bestimmt schon. Deswegen verbringen wir auch die letzten Tage ausschließlich dort. Die kleine Bucht Cifnata, die auch (mal wieder) „Paradiesbucht“ genannt wird haben wir beinahe für uns allein. Endlich lassen wir unser SUP zu Wasser. Erst ich, dann Wolfgang, und dann alle gemeinsam mit Bobby paddeln wir durch unser kleines Paradies.

Einige Boote ankern über den Tag in der Bucht. Mit kleinen Schlauchbooten oder schwimmend kommen die Leute, viele auch mit ihren Hunden, an Land, um sich kurz die Beine zu vertreten und sich dann in den warmen Sand zu legen. Einmal kommt eine riesige Wandergruppe aus dem Dundo. „Badestopp“ ruft der Lehrer und 30 Jugendliche stürzen sich lauthals ins Meer. Das ist der Moment als es Bobby zu viel wird. Laut bellend will er dieses Chaos beseitigen. Ich drehe eine kleine Runde durch den Wald mit ihm und als wir nach einer halben Stunde wiederkommen, ist wieder Ruhe im Paradies.

Kamenjak: Himmlisch essen auf dem höchsten Berg von Rab

„Die grüne Insel“ wir Rab genannt. Und das ist sie auch, insbesondere auf der Halbinsel Kalifront mit dem einzigartigen Steineichenwald. Der Blick vom Festland zeigt allerdings ein anderes Bild: Die zerklüfteten und verkarsteten Felsen wirken eher abweisend als einladend, wenn man mit der Fähre auf die Insel zufährt. Die Bora hat ganze Arbeit geleistet. Die heftigen Fallwinde haben das Velebitgebirge meerseitig, genauso wie die Inseln Rab und Pag auf der anderen Seite des Velebitkanals von jeglicher Vegetation befreit.

Etwas unterhalb der höchsten Erhebung von Rab, dem 408 Meter hohen Kamenjak, gibt es ein Restaurant. Über sehr holprige Straßen gelangt man über karge Berghänge und weite Hochebenen dorthin. Eine fantastische Sicht wird zu deftigem und sehr leckerem Essen serviert.

Tief unter uns liegt die Stadt Rab mit seinen vier Kirchtürmen im Abendlicht. Wir blicken weit bis zu dem kleinen Hafen von Supertarska Draga, zu unserem großen Ferienhaus irgendwo in den gelben Ginsterhängen und hinüber zum Paradies und in die Sahara und dem grünen Dundo, bis die Sonne im Meer versinkt und die Insel Rab in orange-rotem Licht leuchtet, bevor die Nacht einbricht.

… und einfach mal ausschalten

Am nächsten Tag reisen wir ab. Unsere Zeit auf Rab war wunderbar leicht und unbeschwert. Die kleine Insel in der Kvarner Bucht hat uns ausgesprochen gut gefallen. Über Slowenien (mit Zwischenstopp in Bled, darüber irgendwann mehr in einem anderen Artikel) und Salzburg geht es nach Hause, wo ich nach fast zwei Wochen das erste Mal wieder Zeitung lese und Nachrichten schaue. Es ist merkwürdig. Wenn ich nicht wüsste, dass ich weggewesen wäre, an den aktuellen Meldungen würde ich es nicht merken. Was das angeht, habe ich tatsächlich nichts verpasst. Und vermisst sowieso nicht. Ich schalte erst mal wieder aus und nehme mir vor, das auch im Alltag öfter mal zu tun.

Tschüss Kroatien, wir sehen uns schon sehr bald wieder!!

10 Gedanken zu “Palatschinken im Paradies oder: unsere kleine, heile Welt auf der Insel Rab

  1. Ein wunderbarer Beitrag! In Rab war ich noch nie, aber in den 80er Jahren mehrmals auf Mali und Veli Lošinj, meist in der Osterzeit. Daran hab ich sehr schöne Erinnerungen … Jetzt ist dann wohl mal Rab dran – vielleicht und hoffentlich im nächsten Frühjahr. Liebe Grüße aus Augsburg

    Gefällt 2 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s