Wandern im Harz zwischen Himmel und Hölle

Der zurückliegende Winter hat meine Kondition ganz schön angekratzt. Nach unserer gestrigen Wanderung im Harz spüre ich jeden einzelnen Muskel, der in den letzten Monaten vernachlässigt wurde. Aber auch Bobby möchte heute keinen Schritt zu viel gehen. Meinen Griff zur Leine, um zur morgendlichen Gassirunde zu starten, quittierte er lediglich mit einem müden Augenaufschlag. Er musste auf der etwas über 20 Kilometer langen Tour auch die größte Leistung von allen vollbringen. Wir sind wortwörtlich durch die Hölle gegangen. Aber himmlisch schön war es trotzdem auf unserer (fast) ganz normalen Wanderung im Harz.

Auf dem versteckten Kammweg Richtung Brocken

Am Wanderparkplatz an der Steinernen Renne bei Wernigerode machten wir etwas ganz typisches, wenn wir im Harz wandern sind. Wir folgten keinem der vielen Wanderwegweiser vor Ort. Hinter ein paar Verkehrs- und Hinweisschildern versteckt sich der Zugang zu einem wunderschönen Kammweg, der nirgendwo ausgeschildert ist. Auf den Wanderkarten (oder bei Komoot, der App, mit der ich all meine Wanderungen plane) gehört er zu den Wegen, die durch ganz dünne oder gestrichelte Linien gekennzeichnet sind. In der Realität handelt es sich dabei oft um historische Wanderwege. Diese stammen aus Zeiten, in denen der Wanderer im Harz noch nicht auf die leichter zu pflegenden Forstwege umgeleitet wurde, was ich leider vielerorts im Harz beobachte. Diese geheimen Wege sind immer Überraschungspakete, in diesem Fall nur im positivsten Sinne.

„Geheimeinstieg“ zu einem meiner Lieblinsgwege am Wanderparkplatz Steinerne Renne
Kammweg oberhalb der Steinernen Renne
Auf den ersten Metern kommen wir schon ganz schön ins Schnaufen …
… werden aber belohnt mit einer fantastischen Aussicht.
Der erste Blick auf den Brocken.

Dem Brocken entgegen zur Wolfsklippe

An der Wolfsklippe, unserem ersten Etappenziel angekommen, schwitzte ich bereits mächtig. Trotz Wolfgangs ernüchternder Analyse, dass wir nach etwa sechs Kilometern gerade mal ein viertel unserer Tour hinter uns hätten, entschieden wir, eine große Pause einzulegen. Zu schön war es hier und die Tage sind doch jetzt Mitte April schon richtig lang. Wir konnten uns Zeit lassen, dachten wir.

Über den urigen Alexanderstieg erreichen wir die Wolfsklippe.
Bobby mit Brocken
Aber dem Model ist es heute zu heiß zum posieren. Da müssen wir eben selbst ran …

Himmlisch schön und der Brocken zum Greifen nah an der Großen Zeterklippe

Auf dem Weg zur Zeterklippe bewältigten wir den Rest der insgesamt fast 700 Höhenmeter dieser Wanderung im Harz. Aber ich mag die Gegend da oben rund um den Brocken so gern, dass ich diese Anstrengung gerne in Kauf nehme. Heide- und Moorlandschaften, immer wieder durchbrochen von Wald und Felsformationen. Und die Große Zeterklippe ist sowieso eines der schönsten Wanderziele im Harz. Der Brocken mit seinem täglichen Besucheransturm fast zum Greifen nah, ragt die Zeterklippe in völliger Ruhe und Einsamkeit in den Himmel. Eine eiserne Stiege führt nach oben und auf den abgerundete Felsen kann man sich wie auf einem Sofa hinlegen und alles um sich herum vergessen – einfach himmlisch.

Auf dem Weg zur Zeterklippe kommen wir dem Brocken immer näher.
Abkühlung im letzten Schnee für dieses Jahr
Eines der schönsten Wanderziele im Harz – die Große Zeterklippe.
Dem Himmel entgegen …
… und dem Brocken ganz nah.
Hier lässt es sich aushalten.

Vom Himmel in die Hölle im Harz: Abstieg über den Höllenstieg

Nach einer weiteren langen Pause machten wir uns auf den vermeintlich einfachen Rückweg. Nun sollte es nur noch bergab gehen. Über die Brockenkinder und einen kurzen Abstecher auf die hässliche Brockenstraße, bogen wir Richtung Höllenstieg ab. Diesen einsamen Wanderweg auf den Brocken sind wir schon einmal gegangen (Hier geht es zur ganzen Story unserer 2-Tages-Tour über den Höllenstieg auf den Brocken.), dennoch erkannten wir ihn kaum wieder. Totholz und umgestürzte Bäume sind in dieser Gegend des Harzes nicht selten. Aber der Borkenkäfer und vergangene Stürme haben hier ein echtes Trümmerfeld hinterlassen. Intuitiv folgten wir einem „Weg“, der bergab führte. Bald wurde es sumpfiger und Bobby versank teilweise bis zum Bauch im Moor.

Einmal posieren bitte! Das geht auch in der Hölle 😉

Ein Blick auf meine Komoot-Planung zeigte, dass wir den eigentlichen Höllenstieg längst verlassen hatten und uns weit unterhalb im Niemandsland befanden. Wolfgang checkte seine GPS-Daten auf der Karte und entdeckte einen Alternativweg. „Noch ein Stück weiter, dann müssten wir auf den Blumentopfweg stoßen. Über den kommen wir wieder zurück auf unsere Route“, rief er gerade hoffnungsvoll, als uns zwei Wanderer entgegenkamen: „Da geht es nicht weiter. Der Weg verliert sich im Moor. Wir irren hier schon eine ganze Weile herum. Wir gehen wieder hoch“, meinten die beiden, worauf Wolfgang entgegenhielt: „Aber etwas weiter unten ist der Blumentopfweg. Ich habe ihn schon fast gesehen.“ Meine Nerven waren mittlerweile etwas angespannt und der Tag weiter fortgeschritten. Ich hatte Bobby an der Leine und ich wusste, ich kann mit ihm weder durch Moor und Sumpf, noch über oder unter umgestürzter Baumriesen gehen. Jeden Schritt, den wir uns von dem eigentlichen Hauptweg, dem Höllenstieg entfernten, müssen wir im Zweifelsfall auch wieder zurückgehen.

undurchdringliches Baummikado

In der Hölle gibt es keinen Blumentopf zu gewinnen

Kurz vor einer Ehekrise: („Vertrau mir, da ist der Blumentopfweg.“ „Nein, ich gehe zurück. Geh du wohin du willst“) – das Pärchen hatte sich längst verabschiedet mit den Worten: „Viel Erfolg noch mit dem Blumentopf“ – gab Wolfgang nach, und wir gingen wieder zurück. Ein Vater mit seinen zwei Kindern kamen uns entgegen. Auch sie hatten den Weg verloren. Aber sie wollten nicht wieder aufsteigen und folgten ihrem eigenen Plan. An dem Punkt, wo wir laut unserer GPS-Daten den Höllenstieg verlassen hatten, entdeckten wir nun tatsächlich eine Markierung. Wir versuchten dieser zu folgen. Aussichtslos, zu unwegsam war das Gelände. Wir gingen noch einmal den einzig erkenntlichen (unmarkierten) Weg bergab. Und tatsächlich gab es dort eine Weggabelung nach links, die wir vorher übersehen hatten. Der Umgehungsweg muss erst vor kurzem frei gesägt worden sein. Die frischen Sägespäne von den durchgeschnittenen Baumstämmen lagen noch auf dem Boden. Ein paar farbige Wegmarkierungen wären hier wirklich hilfreich gewesen!

Hier ist der Wegweiser (das rote Dreieck am Baum) – bloß wo ist der Weg?
Wolfgang versucht sich mit Bobby durchzukämpfen – erfolglos.
Endlich wieder auf dem richtigen Weg!

Bald befanden wir uns wieder auf dem eigentlichen Höllenstieg, der sich nun zunehmend lichtete und dann in die gut ausgebaute Molkenhaus Chaussee mündete. Selten hatte ich mich im Harz so über einen breiten Forstweg gefreut.

Im Gasthaus Steinerne Renne trafen wir den Vater mit seinen zwei Kindern wieder. Sie sind anscheinend tatsächlich den Blumentopfweg gegangen. Wolfgang fühlte sich bestätigt. Das andere Pärchen trafen wir nicht mehr. Wir hoffen, dass auch sie ihren Weg gefunden haben. Zu essen gab es im Gasthaus nichts mehr. Wir waren zu spät dran. Nach einem warmen Weizenbier im stickigen Gastraum (die Terrasse hatte trotz strahlendem Sonnenschein an diesem Ostersonntag nicht auf – Personalmangel), mussten wir sowieso unsere bleischweren Beine schnell in die Hand nehmen, um die letzten Kilometer den Kleine Renne Weg nach unten zu fallen. Mehr als neun Stunden waren wir für die etwa 23 Kilometer und knapp 700 Höhenmeter unterwegs.

Mit der letzten Bahn vom Brocken erreichten auch wir wieder unseren Ausgangspunkt am Bahnhof Steinerne Renne.

Mir steckt gefühlt eine alpine Gipfelbesteigung in den Knochen. Und Bobby wird immer cooler. Er zögerte keinen Moment, über die kreuz und quer liegenden Bäume zu klettern oder sich durch das Dickicht zu schlagen. Selbst die Moore hätte er wahrscheinlich durchquert. Aber heute ist er trotzdem heilfroh, dass er einfach nur ausruhen darf, genauso wie ich. Wandern im Harz – langweilig wird es irgendwie nie.

Rundwanderung im Harz von Wernigerode über Wolfsklippe, Große Zeterklippe, Höllenstieg und Steinerne Renne

Zum Nachwandern (ohne Blumentopfweg 😉 aber mit Umleitung um das Baummikado in der Hölle gibt es hier meine Komoot- Aufzeichung:


21 Gedanken zu “Wandern im Harz zwischen Himmel und Hölle

    1. Oh ja, die Wippertalsperre! Da wollten wir letztes Jahr auf unserem Stempelendspurt mal kurz auf der Durchreise den Stempel der Harzer Wandernadel holen. Erst sind wir wegen etlicher Straßensperrungen ewig herumgekurvt, um dann über einen tief zerfurchten und matschigen Forstweg zur Stempelstelle zu laufen … Aber als wir dann endlich die Talsperre erreichten, hat sie uns eigentlich ganz gut gefallen. Auf die geplante Umrundung haben wir dann aber verzichtet – ist anscheinend auch nicht zu empfehlen 😉 Liebe Grüße von Andrea

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  1. Liebe Andrea,
    wie immer mein großes Lob für Deine wunderbaren Fotos, nicht nur die vom Großen Braunen, sondern auch die von euch gelenkigen Waldelfen!
    Und meinen Glückwunsch, dass ihr diese höllisch vertrackte Tour ohne Scheidung überstanden habt…
    Mir ist nun, Jahre später, auf einmal auch klar geworden, wieso der Standesbeamte damals auf der Songliste „für die musikalische Untermalung der Eheschließung“ (auf die wir nicht nur aus finanziellen Gründen verzichtet haben) auch AC/DC’s „Highway to Hell“ draufstehen hatte. Das muss für die Harz-Fans unter den Heiratswilligen gewesen sein!
    Ganz herzlich grüßt euch drei,
    Eure Natascha, nebst Weiß(!)bier.

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    1. Haha, ja genau! Wenn man einen Höllentrip durch den Harz gemeinsam bewältigt hat, kann man alles schaffen! Vielen Dank auch für dein Kompliment für unsere (un-) gelenkigen Bloggerposen 😉 Bobby gibt eindeutig die bessere Figur ab, finde ich. Ganz liebe Grüße zurück und ein Pros(i)t nach München! Andrea

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  2. Super!! 😁 Spannend! Vielen Dank auch für den Tourenlink! Das sind die Dinger nach meinem Geschmack – auch, wenn ich auf Umherirren gerne verzichten kann… Gut, dass Ihr wieder wohlbehalten unten angekommen seid! 👍 Bei uns im Harz kann man doch immer wieder was erleben…

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    1. Ja, die Tour ist echt schön. Und ich gehe davon aus, dass die kleine Umleitung im Höllenstieg dauerhaft bleibt und bestimmt (hoffentlich) auch bald gut markiert wird. Ohne Bobby hätten wir uns vielleicht sogar durch das Baummikado gekämpft. Aber es ragen halt überall die spitzen Seitenäste aus den umgestürzten Bäumen, die richtig gefährlich für einen Hund werden können. Aber was wäre der Harz ohne Abenteuer 😉 ?! Liebe Grüße nach Seesen von Andrea

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  3. Sehr schöner Bericht. Wollte ich immer auch schon einmal machen. Mit meinem Hund eine längere Wanderung. Jetzt könnte ich. Aber der Hund ist alt. Also muss ich noch warten. 👐👐🇪🇺

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  4. Das sieht ja schön aus. Ich wusste gar nicht, dass es an der Renne auch einen Parkplatz gibt. Na sowas! Toller Weg. Ich sehe schon wir müssen mal zusammen wandern. Hoffentlich steht meine Hündin auf lockige Kerle 🙂 Liebe Grüße

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    1. Liebe Andrea, ich würde mich riesig freuen, wenn wir uns mal gemeinsam auf ein Harz-Abenteuer begeben würden. Bobby ist übrigens auch etwas eigen, was seine Artgenossen angehen. Aber mit selbstbewussten „Zicken“, die ihn mit seinen Macho-Allüren auch mal in die Schranken weisen, kommt er eigentlich am besten klar 😉
      Bis bald und liebe Grüße von Andrea

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  5. Sehr interessanter und informativer Bericht. Es ist erschreckend wie es teilweise in unseren Wäldern aussieht. Die Dürre, der Borkenkäfer und gelegentliche Unwetter setzen ihm schwer zu und ich denke immer, dass es vermutlich nicht viel besser werden wird, weil das Wetter immer verrückter spielt. Ausdauer habt ihr alle und gute Kondition! Leider sind bei mir lange Wanderungen zur Zeit ein „No go“ im wahrsten Sinne des Wortes. Dafür machen wir sehr oft lange Radtouren, die mein Knie (inkl. Ibu) einigermaßen durchsteht. Aber irgendwann, wenn ich ein „neues Knie“ habe, werde ich auch wieder wandern können. Dabei haben wir eben sogar noch einen Urlaub in Scheidegg gebucht. Das kann ja „heiter“ werden. Liebe Grüße, Sigrid

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    1. Liebe Sigrid, ja, die weitflächige Fichtenmonokultur im Harz ist sehr anfällig für Borkenkäfer und Co. Vielerorts entstand durch das Absterben der Fichten ein neuer, gesünderer Mischwald. Aber durch die extreme Trockenheit habe ich echt Sorge, ob das auch in Zukunft noch so funktioniert … Dir wünsche ich alles Gute für das „neuen Knie“ und dass die Schmerzen damit Vergangenheit sind! Liebe Grüße von Andrea

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      1. Och, das dauert noch. Rad fahren geht ja noch, oft nur mit Ibu, aber die Schmerzen müssen lt. Arzt so schlimm werden, dass *nichts* mehr geht. Wandern fällt zur Zeit flach. So bis 5 km schaff ich, dann ist Schluss, aber 70 km mit dem Rad sind kein Problem. Schönes Wochenende 🙂

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