Angst?

Es war Sonntag und bereits beim Aufwachen schien die Sonne vom strahlend blauen Himmel. Es versprach ein herrlicher Spätsommertag zu werden. Ich hatte nichts vor, außer diesen zu nutzen und endlich mal wieder mit Bobby in den Harz zu fahren. Viel zu kurz ist er in der letzten Zeit gekommen. Vermeintlich wichtigere Aufgaben hatten sich vorgedrängt. Immer wieder stellte die Arbeit mich vor scheinbar unlösbare Herausforderungen. Meine Beschäftigung ist es, Menschen zu vertreten, die sich wegen ihrer geistigen oder seelischen Beeinträchtigungen ganz Alltägliches teilweise langwierig erkämpfen müssen. Das kann erfüllend sein. Aber gerade verzweifele ich immer häufiger an der ungerechten Politik, der vielen Bürokratie und einfach auch an den ungeahnten Herausforderungen des Lebens. Und ich zweifele an mir. Auf einmal war da ein Gefühl, das mich zögern ließ.

Zweifel

An so einem wunderschönen Tag wie diesen, hatte ich eigentlich nie lange überlegt. Es zog mich raus in die Natur, egal wohin. Irgendetwas gab es immer zu entdecken! Aber auf einmal konnte ich mich nicht entschließen. „Nur weil das Wetter so schön ist, muss ich doch nicht unbedingt etwas unternehmen?“ Ich wusste, dass dies eine Ausrede war. Ich wollte meinen Schreibtisch nicht aus den Augen lassen. Zu viele unerledigte Gedanken lagen dort, von denen ich wusste, ich würde sie auch an diesem Sonntag nicht zu Ende denken können. Dennoch schien ich mich sicherer zu fühlen, wenn ich in deren Nähe bliebe.

Hin- und her gerissen und auf eine merkwürdige Art neben mir stehend, startete ich die übliche Morgenrunde mit Bobby. Wir passierten den ersten Grünstreifen, an dem Bobby seine Geschäfte allesamt erledigte und ohne zu zögern direkt wieder umdrehte und nach Hause lief. Normalerweise gehen wir morgens eine große Runde durch unser Wohnviertel. Dabei legt Bobby stets viel Wert darauf, möglichst ohne Störung durch mich, alle wichtigen Orte zu kontrollieren und in Perfektion neu zu markieren. Nur wenn ich vor habe zu wandern, wähle ich diese kurze „Pipirunde“ weil ich keine Zeit verlieren möchte. Heute wollte Bobby keine Zeit verlieren. Er wusste ohne Zweifel, dass wir in den Harz fahren würden.

Unentschlossenheit

Ziemlich lange überlegte ich noch, wo wir hinfahren sollten. Und obwohl ich zunehmend von meiner Unentschlossenheit genervt war, konnte ich sie nicht einfach ablegen. Endlich besann ich mich auf eine meiner Lieblingsgegenden im Harz, den Hohnekamm. Ich baute in die Tourenplanung den Beerenstieg mit ein. Den wollte ich schon immer mal gehen. Und was mich normalerweise in freudige Erwartung versetzt, verunsicherte mich plötzlich. Wird dieser in der Karte als gestrichelte Linie eingezeichnete Weg überhaupt gut begehbar sein? Was ist, wenn ich im Wald das GPS-Signal und die Orientierung verliere? Wenn das Wetter umschlägt? Ich spürte Angst. Angst vor scheinbar völlig Harmlosem. Angst, wo nie welche war.

Einfach los

In Drei Annen Hohne, an der Bahnstation der Harzer Schmalspurbahn, starteten wir unsere Runde und meine Planung schickte uns direkt auf den Löwenzahnpfad, ein Walderlebnisweg für Kinder. Kaum dachte ich wiederum ängstlich an tobende Kinder und an einen wild kläffenden und in die Leine springenden Bobby, da trafen wir auch schon die erste Familie. Die Kinder waren konzentriert damit beschäftigt, die riesige Wurzel eines umgestürzten Baumes zu untersuchen. Hinweisschilder erklärten, was dort lebt und wer da wohnt. Bobby kümmerte sich nicht um die Kinder. Die Kinder kümmerten sich nicht um Bobby, Viel zu spannend war für beide Seiten das, was es in der Natur zu entdecken gab. Ich fing an, diesen Weg zu genießen.

Uralte Bäume bestaunen.
Memory spielen.
Kleinste Lebewesen entdecken.

Bis zur Stempelstelle der Harzer Wandernadel am Trudenstein gingen wir auf gut ausgebauten Wegen. Wir begegneten Mountainbikern. Auch diesen gegenüber verhielt sich Bobby ruhig. Ich nahm mir an ihm ein Beispiel und lächelte allen freundlich zu, obwohl mich die vielen E-Biker im Harz wirklich nerven. Aber ich wusste, ab hier geht’s nur noch auf schmalen Pfaden weiter. Diese Wege schafft man mit keinem schweren E-Mountainbike. Während alle anderen den breiten Wegen folgten, bogen wir rechts ab in den Wald Richtung Bärenklippe und Hohnekamm. Bobby war so gut drauf, dass es unmöglich war, sich nicht davon anstecken zu lassen. Er suchte jeden Felsen, um hoch zu klettern, lief Slalom um Hindernisse und hüpfte wie ein Hürdenläufer über umgestürzte Bäume. Er gab die Richtung vor. Er fand den Weg, ohne dass wir auf Wegweiser hätten achten müssen. Wie oft bin ich in der Vergangenheit furchtlos voran gegangen und er ist mir gefolgt. Heute ist er es, der mich mitreißt.

Innehalten

Wir erreichten die Leistenklippe, die man mit Hund wegen der Leitern nicht besteigen kann. Aber das machte gar nichts, denn das Wandern auf dem Hohnekamm ist auch ohne Klippenklettern einfach ein Vergnügen. Direkt hinter der Leistenklippe ging es rechts ab Richtung Beerenstieg. Der schmale Pfad öffnete sich und wir standen auf einem wunderschönen Aussichtsplatz mit Schutzhütte und Blick weit über das Harzvorland. Wow, die Entscheidung für den Beerenstieg hat sich schon jetzt gelohnt.

Die Leistenklippe: Den Blick von dort oben können wir leider nicht genießen.
Aber diese Aussicht ist auch nicht schlecht.
Pause.
Noch mal ein Blick zurück auf den sonnigen Rastplatz …
… dann geht es über den Beerenstieg hinab.
Auch toter Wald wird durchquert.

Am Oberen Hohnekammhangweg verlassen wir den Beerenstieg Richtung Hohnehof. In dem Naturerlebniszentrum kurz vor Drei Annen Hohne stand noch Kaffee und Kuchen auf meinem Programm. Immer wieder gab es neue Waldszenerien. Die Wege waren auch später auf dem Eichendorffstieg schmal und abwechslungsreich, aber niemals unwegsam oder gar unpassierbar. Alle meine Sorgen und Ängste waren überflüssig, fast kamen sie mir mittlerweile völlig absurd vor.

Hier ist bereits neuer dichter Wald entstanden.

Mut

Nach etwa acht Kilometern erreichten wir das Natur-Erlebniszentrum Hohnehof und ich ließ Bobby ganz mutig draußen auf der Wiese am Tisch alleine, während ich Kaffee und Kuchen holte. Weitere zwei Hunde hatte ich ausgemacht und einige Familien mit Kindern. Ich war mir sicher, Bobby würde sich nicht darum kümmern, sondern sich nur mit dem Warten auf mich beschäftigen. Es war genau so.

Freiheit

Manchmal muss man einfach losgehen, um die Angst hinter sich zu lassen. An diesem Tag hat es funktioniert. Die Sorgen, der Schreibtisch, meine Zweifel und Unsicherheiten hatten sich auf den knapp zehn Kilometern während drei Stunden wandern in der Natur verflüchtigt. Angst kann einem ein Stück Freiheit nehmen, die Freiheit selbst zu entscheiden. Angst kann schleichend kommen. Und so irrational sie auch scheinen mag, so sehr kann sie einen gefangen halten. Gerade denke ich an die Ängste mancher Menschen vor der „Überfremdung“, ohne dass sie je einen dieser „Fremden“ kennengelernt hätten, noch jemals irgendwo in der „Fremde“ gewesen wären. Aber da möchte ich jetzt eigentlich gar nicht drüber nachdenken, denn dann kriege ich es schon wieder mit der Angst zu tun. Von daher: Bis bald von irgendwo unterwegs in der Welt 🙂

Harz zum Nachwandern: Rundwanderung Hohnekamm mit Beerenstieg

Hier geht es zu meinen GPS-Daten bei Komoot (Man muss sich nicht anmelden. Nur schauen geht auch):


12 Gedanken zu “Angst?

  1. Die Unentschlossenheit und den Kampf der inneren Giganten kenne ich sehr gut. Wartet Arbeit auf mich, suche ich den Kompromiss und dank deinem Hund musst du immer raus. Die Natur ist die grösste Heil- und Gedankensortierstätte, die wir nutzen können. Gefüllt mit Energie und Zufriedenheit lässt sich vieles im Anschluss erledigen.
    Sehr schön ist es bei dir im Harz🤗

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  2. Wie wahr Andrea! Manchmal lässt man sich so überrollen von Angst und Unsicherheit, dass man fast keinen klaren Gedanken mehr fassen kann. Oft völlig unbegründet, einfach weil man sich in was hineinsteigert und die Gedanken immer um dieses eine Thema kreisen.

    Dann ist es wirklich empfehlenswert sich körperlich auszutoben, sei es durch eine anstrengende Radtour mit vielen neuen Eindrücken, einem langen Spaziergang im Wald mit Pilzsuche ……. Einfach mal an etwas anderes denken und feststellen, dass man sich viel zu verrückt macht manchmal.

    Es klingt wirklich doof, aber wenn ich mal (früher vor allem als die Kinder noch kleiner waren) nicht so richtig zum aufräumen, putzen, waschen kam, weil ich krank war und nichts so klappte wie es sollte, bekam ich fast Panik, dass ich meinen Haushalt nebst Kindern nicht mehr in den Griff bekomme. Und was war? Nach Genesung ließ sich alles binnen weniger Tage regeln. Warum ich überhaupt dachte, dass es schlimm sei, wenn man mal zwei Wochen nicht putzt ???? Keine Ahnung, aber jede(r) hat da seine eigenen „Dämonen“. Gott sei Dank bin ich da gelassener geworden im Laufe von 67 Jahren 🙂

    Also dann, take it easy und don’t worry, be happy !!!
    Besser ist das ……

    Liebe Grüße, Sigrid

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    1. Danke, liebe Sigrid, für deine Gedanken und Erfahrungen zu diesem Thema. Manchmal ist man vielleicht einfach dünnhäutiger und dann hat man schneller das Gefühl, alles wächst einem über den Kopf (auch wenn es nur der Haushalt ist oder irgendein anderer eigentlich unnützer Kram, so wie bei mir an diesem Tag). Rausgehen, Bewegung, einfach mal die Perspektive wechseln – das hilft auf jeden Fall gegen diese „Dämonen“. Ich merke auch, dass ich mit zunehmenden Alter immer weniger bereit bin, meine Lebenszeit mit solchen Zwängen und Ängsten zu verbringen. Da gehe ich doch viel lieber einfach raus in die Natur. Ja, wäre schön, wenn mich das Alter auch gelassener machen würde 🙂 Liebe Grüße von Andrea

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  3. Solche Zustände und Gefühlslagen kenne ich auch und immer wieder bin ich dann froh, dass da der Hund ist und damit die „Verpflichtung“, mich zu überwinden (und meist sind damit diese Gefühlslagen ja auch wieder überwindbar, wenn man erstmal draußen ist). Gut gemacht, Bobby & sehr schön erzählt, liebe Andrea!
    Herzlich grüßt dich von der Nordsee –
    Natascha

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  4. Ach, diese Unentschlossenheit. Mit der kämpfe ich so oft (zu häufig gewinnt sie). Ich verstehe mich da selbst gar nicht. Weil ich ja weiß, dass es richtig ist loszustiefeln. Aber tröstlich, dass ich damit nicht allein bin.

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  5. Da ich nun immer oder doch die meiste Zeit alleine losgehen muss, bin ich immer vorher ängstlich, sobald ich mich draußen bewege, ob zu Fuß oder mit dem Rad, ist die Angst verflogen. Seltsamerweise fühle ich mich draußen sicherer als im Haus. Es geht mir also nicht alleine so und nicht nur wegen der veränderten Lebensbedingungen. Danke, dass Du das geschildert hast.

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