Psst! Hier geht’s lang, zum Hohnekamm!

Ich war überrascht, als mein Bruder tatsächlich spontan zusagte, mich auf eine Wanderung in den Harz zu begleiten. Das Stempelheft der Harzer Wandernadel, das ich ihm letztes Jahr geschenkt hatte, war noch komplett blank. Wenn er mal wandert, anstatt mit dem Rad zu fahren, dann in den Alpen oder in Südostasien. Aber vielleicht schaffe ich es doch noch, ihn für den Harz zu begeistern. Es musste also eine unwiderstehliche Tour mit Abenteuer, Aussicht und Einkehr her. Der Hohnekamm am Fuße des Brockens mit seiner abwechslungsreichen Vegetation, den bizarren Felsformationen und herrlichen Aussichtsklippen könnte da genau das richtige sein. Obwohl dieses Gebiet oberhalb von Ilsenburg und Wernigerode, irgendwo zwischen Brocken, Schierke und Drei Annen Hohne zu meinen Lieblingswanderzielen im Harz zählt, kenne ich dort noch längst nicht alle Wege. Neben den bekannten Hauptrouten gibt es viele versteckte Pfade und alte Wanderwege, die teilweise über Stock und Stein durch eine der, wie ich finde, wildesten und faszinierendsten Regionen im Harz führen.

Der Hohnekamm – eines meiner Lieblingswandergebiete im Harz

Von Drei Annen Hohen zum Hohnekamm – Trubel am Trudenstein

In Drei Annen Hohne starteten wir unsere Tour auf dem Löwenzahn Entdeckerpfad. Eigentlich meide ich ausgewiesene Erlebniswege, wenn ich mit Bobby unterwegs bin, da er auf unberechenbare Kinder sehr ungehalten reagieren kann. Aber dieser Naturerlebnispfad ist richtig schön angelegt und anscheinend regt er tatsächlich zu ruhigem und konzentriertem Erforschen und nicht zu wilder Action an, so dass Bobby hier noch nie etwas zu meckern hatte. Auch Volker und ich studierten verschiedene Tierspuren, versuchten uns im Waldmemory und hörten mit den Ohren einer Eule. Bis zum Trudenstein, eine Stempelstelle der Harzer Wandernadel, ging es auf breiten Wegen bergan. Ab und zu überholten uns E-Mountainbiker mit lockerem Tritt. Am Trudenstein angekommen, wartete ich mit Bobby unten, während Volker den kleinen Aussichtsfelsen bestieg. Danach wollte ich ebenfalls hinauf. Mittlerweile hatte allerdings eine größere Gruppe den Felsen belagert. Jeder wollte ein Selfie mit jedem und dann noch mal vor jeder Aussicht in jede Richtung. Ich wartete ein paar Minuten auf der ersten Plattform, dann gab ich auf. Ich wusste, dass mich an diesem Tag noch bessere Ausblicke erwarten würden. Während wir auf einer Bank noch etwas tranken und einen Müsliriegel aßen, zog die Gruppe fröhlich quatschend weiter. Ich hoffte insgeheim, dass sie dem breiten Forstweg weiter folgen und nicht wie wir auf den steilen Pfad Richtung Leistenklippe abbiegen würden.

Der Trudenstein – diesmal nur von unten

Wir tauchten in den Wald ein und nun waren wir auf den schmalen Wanderwegen, die ich in dieser Gegend so liebe. Hier trifft man keinen E-Biker mehr, die Natur kommt einem näher, man achtet auf seine Schritte, das Innere beruhigt sich. So stapften und keuchten wir einige Zeit bergauf, als ich Stimmen hörte. Nach einer Kehre sahen wir drei Leute aus der Wandergruppe. Einer hatte sein Handy am Ohr. „Nein, Sie stören nicht. Ich sitze hier gerade auf einem umgestürzten Baum, ein toller Platz zum Telefonieren“ Und dann fielen die Worte: „Steuer, Fristen, dringend, schnellstmöglich, …“ Wie kann ein solches Telefonat hier in dieser Umgebung „nicht stören“? Umgehend bekam ich ein schlechtes Gewissen über meine eigene Steuererklärung, die zu Hause auf meinem Schreibtisch noch auf Bearbeitung wartete. Wir gingen schnell weiter. Die kleine Gruppe setzte sich direkt hinter uns auch wieder in Bewegung und folgte uns nun auf dem Tritt. Trotz Steigung hatte der Telefonierende keine Mühe, sein geschäftliches Gespräch weiterzuführen. Einige Mitarbeiter sollten noch mal erinnert und Rechnungen müssten angemahnt werden. Wir blieben stehen und ließen die drei passieren bis wir nichts mehr von irgendwelchen Steuern hörten.

Die kleinen Pfade – Bobby liebt sie genau so wie ich.

Der Hohnekamm – märchenhaft und bizarr

Bald erreichten wir die etwas unscheinbare Bärenklippe und damit den Hohnekamm. Sehr angenehm auf gleicher Höhe geht es dort durch eine fast märchenhafte Landschaft aus bunten Heidegewächsen, Blaubeersträuchern, kleinen Fichten, Ebereschen, Birken. Zwischen dieser üppigen und farbenfrohen Vegetation ragen immer wieder markante Klippen aus bizarr geformten, riesigen Granitblöcken auf.

Die Leistenklippe, die höchste Erhebung des Hohnekamms, ist ebenfalls nur über Leitern zu besteigen, so dass Bobby leider nicht mit hoch kann. Mein Bruder ging als erstes los, während ich mit Bobby unten wartete. Dem gefiel das gar nicht, und er ließ die Leiter, über die Volker verschwunden war, nicht eine Sekunde aus den Augen. Immer wenn jemand dort herunterstieg, wurde er ganz aufgeregt, um dann im nächsten Moment wieder in sich zusammenzufallen, als er feststellte, dass es nicht Volker war. Nach und nach kam die gesamte Wandergruppe und auch der Telefonierende, der sein Telefonat nun aber beendet hatte, von der Leistenklippe herunter. Endlich kam auch mein Bruder. Bobby war außer sich vor Freude.

Endlich 🙂

Danach durfte ich die Aussicht von der Leistenklippe rüber zum Brocken und weit über das Harzvorland ganz für mich allein genießen – wunderbar!

Mittlerweile hatten wir Hunger und schauten nach einem geeigneten Rastplatz. Da man die Wege hier oben nicht verlassen sollte, bieten sich die immer wieder verstreuten Granitblöcke am Wegesrand dafür an. Die Sonne stand bereits mächtig hoch und brannte auf die Felsen. Wir suchten weiter nach einem schattigen Platz mit ein wenig Aussicht. Ich wusste, dass wir bald in den Eulenstieg abbiegen. Dort geht es auf einem unwegsamen Pfad durch den Urwald bergab. Wir sollten unsere Pause auf jeden Fall noch oben auf dem Hohnekamm machen. Auf einmal hörten wir wieder Stimmen und es fiel das Wort „Steuererklärung“. Als wir um die nächste Ecke bogen, sahen wir die Wandergruppe an dem perfekten Ort rasten: Große flache Steine zum Sitzen und ein etwas höherer Felsen, der als Tisch diente, dazu Bäume die etwas Schatten warfen und im Hintergrund gab es Brockenblick. Kurz unterbrach die Gruppe ihre Gespräche, um uns („hallo mal wieder“) zu grüßen. Wir gingen weiter und sie setzten ihr Gespräch fort. Es ging immer noch um das gleiche Thema. Volker mutmaßte, dass es sich vielleicht um einen Betriebsausflug eines Steuerbüros handelte. Oder sind einfach Mitte Juni die Steuern ein allgemein sehr wichtiges Thema?

Wir waren an der Abzweigung zum Eulenstieg angekommen und hier war dann auch unser (fast perfekter) Jausenplatz. Ich wollte ein Selfie mit Volker machen. Es ist einfach schön, mit ihm gemeinsam zu wandern. Auch wenn wir das sehr selten machen, ist da eine Vertrautheit und Leichtigkeit, die es vielleicht nur unter Geschwistern gibt. Als ich das Handy in Position brachte, drängelte sich Bobby zwischen uns. Er wollte unbedingt mit aufs Foto mit seinem geliebten Volker, den er aber erst mal gründlich abschlecken musste.

Abstieg über den Eulenstieg: auf kleinen Pfaden durch die Wildnis

Wir aßen und tranken und ruhten uns noch ein wenig aus, da tauchte „unsere“ Wandergruppe wieder auf. Sie blieben am Wegweiser stehen. Die wollen doch bestimmt den bequemen Weg geradeaus Richtung Brocken oder Schierke weiter gehen, oder? „Wie weit ist es dann zu dieser Klippe?“ fragte eine Frau aus der Gruppe. Der mit dem Handy, hatte es jetzt nicht am Ohr, sondern in der Hand. „Also, die Landmannklippe ist nicht unweit von hier.“ Ich überlegte noch was „nicht unweit“ für die Gruppe bedeutete, da bogen sie schon in den Eulenstieg ab. Zur Landmannklippe wollte ich auch. Die hatte ich das letzte Mal, als ich hier war ausgelassen, da der Aufstieg auf die Klippe mit etwas Kletterei verbunden sein soll. Mit Bobby allein erschien mir das nicht machbar. Aber an diesem Tag war ja Volker dabei, so dass einer mit Bobby warten könnte, wenn es für ihn zu schwierig würde.

Auf dem Eulenstieg weist ein roter Punkt und das Symbol einer Eule den Weg, wo auf den ersten Blick gar keiner zu sein scheint. Aber tatsächlich schlängelt er sich durch eine Wildnis aus riesigem Wurzelwerk, Totholzstämmen, jungen Fichten, Heide- und Moosgewächsen, kleineren Felsformationen. An einigen Stellen ließ ich Bobby von der Leine, damit er selbständig entscheiden konnte, wie er den Weg meistert. Er ist mittlerweile so geschickt und weiß genau, ob er Hindernisse besser drunter, drüber oder außen herum bewältigt. Zwischendurch verlor ich das GPS – Signal, was mich immer etwas nervös macht. Aber wir hörten nun schon wieder die Stimmen der Gruppe und dann sahen wir vor uns auch einen Wegweiser, der die Abzweigung links hoch zur Landmannklippe zeigte. Wir überlegten kurz und Volker sagte: „Wir hatten heute doch schon so viele schöne Ausblicke.“ Eigentlich hatte ich auch keine Lust mehr, wieder aufzusteigen und ich brauche ja auch einen Grund, nochmal hierher zu kommen. Also ließen wir die Landmannklippe hinter uns liegen, und auch die Wandergruppe hörten und sahen wir an diesem Tag nicht mehr wieder.

Über den Arnoldsweg zum Hohnehof: baumlose Fernblicke

Der Eulenstieg ging irgendwann in den Treppenstieg über und auch mein GPS – Signal war zum Glück wieder da, so dass wir die Abzweigung zum Arnoldsweg nicht verpassten. Das ist mir nämlich schon mal passiert, und ich bin auf der furchtbar hässlichen Eschwegestraße gelandet. Das wollte ich unbedingt vermeiden. Nun umgab uns Brachland. Der Wald ist hier komplett gerodet. Wir fragten uns, warum das so ist, da es sich ja hier immer noch um Nationalpark handelt, während wir über die baumlose Landschaft weit bis zum Brocken blickten.

Arnoldklippe bezwungen 😉
Dreikäseklippe bestaunt

Ein kurzes Stück ging es doch noch über die öde Eschwegestraße, wo bald ein Wegweiser auf unser letztes, mittlerweile heiß ersehntes Zwischenziel mit Kaffee und Kuchen hinwies: Hohnehof 1,5 Kilometer. „Was, noch 1,5 Kilometer? Laut meiner Komootplanung müssten das höchstens noch 500 Meter sein!“ Ich schaute genauer und tatsächlich: Der Wegweiser wollte uns über einen großen Bogen auf der breiten, staubigen Eschwegestraße zum Hohnehof schicken, während geradeaus ohne Wegweiser ein herrlicher Wanderweg durch den Wald auf direktem Weg hinführt. Ich verstehe das nicht. Zu oft erlebe ich im Harz, dass man als Wanderer über Forststraße gelenkt wird, obwohl es auch kleine, naturnahe Alternativen gibt.

Im Hohnehof angekommen, duftete es nach Waffeln und wir hatten Glück. Mittlerweile war es halb fünf und das Naturerlebniszentrum schließt um 17:00 Uhr „Wir haben nicht mit so einem Ansturm gerechnet“, sagte die Dame am Tresen. „Ich habe nur noch Teig für eine Waffel. Ansonsten gibt es nichts mehr zu essen“ Der Hohnehof hatte den ersten Tag nach der Corona bedingten Schließung wieder geöffnet. Volker und ich freuten uns über die letzte, extra dicke Waffel und dass es nun nur noch ein paar hundert Meter bis zum Auto waren. Schön war es. Und auch mein Bruder war begeistert, wobei sein Stempelheft immer noch blank ist. Das hatte er nämlich zu Hause vergessen.

Waffel „extra dick“ genossen

PS: Ich habe gleich in der Woche darauf meinen Steuerberater angerufen. Die Sache mit den Steuern ging mir nicht mehr aus dem Kopf 😉

Harz zum Nachwandern: Der Hohnekamm und seine versteckten Pfade

Hier geht es zu meiner Komoot Aufzeichnung (Anmelden ist nicht nötig, einfach runterscrollen):

Hohnekamm mit Leistenklippe über Eulenstieg, Treppenstieg und Arnoldsklippenweg

Weitere Wanderberichte auf meinem Blog von der Gegend rund um den Hohnekamm

Hier ist eine Variante der Tour über den Hohnekamm mit Beerenstieg beschrieben.

Noch mehr vom Hohnekamm in diesem Artikel: Ein Wochenende im Harz – meine Lieblingsklippen und Brocken inklusive


4 Gedanken zu “Psst! Hier geht’s lang, zum Hohnekamm!

  1. Ich lese deine Wanderberichte total gerne und die Gegend um Drei Annen Hohne ist wirklich toll. Durch deine Bilder und die guten Beschreibungen fühle ich mich wie „mitgelaufen“. Ich wandere ja immer allein, zwar mit den Hunden aber eben ohne menschliche Begleitung… oft treffe ich dann auch auf Gruppen oder Personen, die gar kein Ohr oder Auge für die Umgebung haben. Mit Knöpfen im Ohr lauschen sie Musik oder sind wie bei dir am telefonieren. Wie man das nicht als störend empfinden kann, ist mir auch ein Rätsel.
    Ich lasse an manchen Stellen die Hunde auch ohne Leine gehen, weil die Verletzungsgefahr einfach zu groß für uns alle wäre wenn sie neben mir bleiben müssten. Nach ein paar Metern geht es ja meist wieder und dann kommen sie wieder an den Strick.
    Ich freue mich schon auf den nächsten Bericht und lasse liebe Grüße da.
    Bis morgen bin ich noch in Bad Lauterberg und schaue gerade, welche kleine Runde ich noch laufen könnte.
    Knuddelt für Bobby
    Ivonne

    Gefällt 1 Person

    1. Danke liebe Ivonne, es freut mich sehr, dass dir meine Berichte gefallen. Ich verfolge ja auch sehr gerne deine Unternehmungen auf dem Blog 🙂 Nicht nur weil ich wegen meines Asthmas beim Wandern eh kaum Puste zum reden habe, bin ich auch am liebsten alleine (mit Bobby) unterwegs oder mit einer Wanderbegleitung, mit der man sich auch ohne Worte versteht 😉 Ich wünsche dir noch einen schönen letzten Tag in Bad Lauterberg (ach, der Südharz ist auch so schön)! Liebe Grüße von Andrea

      Gefällt 1 Person

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