Der Harz – mein Lieblingsurwald

Manchmal lernt man sich kennen und weiß sofort: Das  wird keine Liebesbeziehung. Und manchmal trifft man sich nach Jahren wieder und fragt sich: War ich damals blind? Aber von vorne: Ich war neun Jahre alt, als ich mit meinen Eltern aus Oberbayern nach Niedersachsen zog und dem Harz begegnete. Aufgewachsen mit Blick auf die Zugspitze, erschien mir der Harz, das nördlichste Mittelgebirge Deutschlands, dunkel und bedrohlich. Ein Wald in dem die Bäume eng in Reihe und Glied wie Soldaten stehen. Auf breiten Forstwegen, die den Wald wie Narben durchziehen, absolvierte man den Sonntagsspaziergang mit anschließendem Windbeutelessen in einem düsteren Cafe mit Spitzengardine.

Der Harz – nie vermisst und doch wiederentdeckt

Später war ich viele Jahre fern des Harzes unterwegs – im Rheinland, in Österreich, in der Welt. Den Harz habe ich nie vermisst. Vor einigen Jahren hat es mich nach Norddeutschland zurück verschlagen. Ich gestehe, ich wohnte schon ein ganzes Jahr in Braunschweig, bis ich den Weg in das nur knapp 60 km entfernte Mittelgebirge gefunden habe. Und ich war überrascht. Einerseits gab es durch die deutsche Wiedervereinigung neue Gegenden zu entdecken. Der Wald gerade im Ostharz war ganz anders als ich das „Harz-typisch“ in Erinnerung hatte. Helle Mischwälder, wilde Schluchten und weite Blicke prägten meine erste Harzwanderung in der Gegend von Ilsenburg. Aber dann sah ich da auch riesige Flächen toter Bäume – starb hier der Wald?

Mischwald bei Ilsenburg
Mischwald bei Ilsenburg
Brocken mit großen Flächen toter Fichten
Blick von Achtermannshöhe auf den Brocken mit großen Flächen toter Fichten

Der Harz – dunkle Fichtenwälder, Riesenwindbeutel und Spitzengardine

Immer wieder war ich in den folgenden Jahren im Harz unterwegs. Seitdem Bobby bei uns eingezogen ist gehört der Harz zu unserer „erweiterten Gassirunde“. Trotzdem blieb mein Verhältnis zum Harz eher arroganter Art. Man nimmt ihn halt mit, weil er da ist. Der teilweise morbide Charme einiger Harzortschaften und die etwas spröde Art seiner Bewohner taten sein Übriges. Aber es zog mich immer wieder dorthin und ich war immer mehr fasziniert. Mein Bild vom Harz: dunkle Fichtenwälder, Riesenwindbeutel und Spitzengardine geriet ins Wanken – als erstes der dunkle Fichtenwald.

Kaiserweg bei Oderbrück
Kaiserweg bei Oderbrück

Umgestürzte Bäume und abgestorbenes Gehölz versperren vielerorts den Weg. Karge Baumstümpfe ragen gen Himmel. Es entstehen mystische Szenerien. Der Fichtenwald stirbt und verantwortlich ist der Borkenkäfer. Sehr rasch bekam ich mit, dass das gut ist. Der Borkenkäfer sucht sich die geschwächten Bäume aus. Der großflächige Befall ist ein Zeichen dafür, in welchem Ungleichgewicht die Flora im Harz ist.

Eine uralte "Kampfbuche" hat es geschafft im Fichtenwald zu überleben
Eine uralte „Kampfbuche“ hat es geschafft im Fichtenwald zu überleben – Kaiserweg bei Oderbrück

Und ich stellte fest, dass der Harz gar nicht mehr düster ist. Der Wald lichtet sich. Von Gipfeln kann man nun in die Ferne blicken und es ergeben sich neue Perspektiven. Nicht nur wir Wanderer genießen immer häufiger die Sonne im Harz. Auch die Pflanzenwelt reagiert auf diese Veränderung. Durch das Fichtensterben ist der Wald keineswegs tot, sondern ganz im Gegenteil. Neues Leben entsteht.

Früher dichter Fichtenwald - heute sonniger Blick bis zum Brocken - bei Oderbrück
Früher dichter Fichtenwald – heute sonniger Blick bis zum Brocken – bei Oderbrück
Tote Fichten - Laubbäume wachsen nach - Blick auf den Brocken nur durch Wolken verdeckt
Tote Fichten – Laubbäume wachsen nach – Blick auf den Brocken nur durch Wolken verdeckt – hier Nähe Taubenstein

 

Am Kienberg bei Ilsenburg
Am Kienberg bei Ilsenburg

Der Harz – die Fichte stirbt und ein Urwald entsteht

Um noch mehr über diese spannende Entwicklung des Harzes zu erfahren, habe ich vor Kurzem eine geführte Wanderung (wird kostenfrei angeboten) mit einem Harz-Ranger unternommen. Los ging es im Ilsenburger Nationalparkhaus. Wir streiften in unserer kleinen Gruppe fast 3 Stunden durch das Ilsental und wurden auf Flora, Fauna und geologische Besonderheiten aufmerksam gemacht. Uns wurde auch gezeigt, wie lebendig die toten Bäume sind.

Lebendiger toter Baum - der Ranger zeigt uns, wo neues Leben entsteht
Lebendiger toter Baum – der Ranger zeigt uns, wo neues Leben entsteht und Tiere eine Behausung finden

In den Höhen der Mittelgebirge wachsen natürlicherweise Rotbuchen. Leider ist nicht genug Geld da, der Natur mit Nachpflanzen zu helfen, aber sie scheint es auch alleine zu schaffen. Der Ranger erzählte auch, dass sich viele über die hässlichen „toten Wälder“ beschwert haben und eine schnelle Lösung wünschten. Die gibt es aber nicht. „Die Natur denkt nicht in Menschengenerationen“ meinte der Ranger und immer weniger fordern das mittlerweile noch. Das Verständnis für den Zeitplan der Natur scheint zuzunehmen. Im Harz wird vielerorts über diesen Wandel informiert. Neben den geführten Rangerwanderungen gibt es beschilderte Borkenkäferpfade, sowie etliche Themenwege.harz-borkenkaefer11

Der Harz  als ehemaliges Bergbaugebiet war viele Jahrhunderte ein reiner Industriewald. Die Rückentwicklung zu einem natürlichen Wald hat begonnen. Und ich freue ich mich über jede tote Fichte. Hier entsteht in Stückchen neuer Urwald.

Der Harz – die Wildnis hat mich erobert

Der Harz hat mich gepackt. Er hat sich in mein Herz geschlichen. Ich liebe den Wandel. Ich liebe die Wildnis. Der Harz hat es geschafft, mich zu erobern.harz-borkenkaefer02

22 Kommentare Gib deinen ab

  1. Liebe Andrea,
    eine schöne Liebeserklärung an den Harz mit tollen Fotos.
    Mir geht es ein bisschen so mit dem Taunus. Wir mussten da früher spazieren gehen mit den Eltern. Ich fan es langweilig … heute finde ich es erstaunlich, wie interessant dieses Mittelgebirge ist … 😊 … und seit wir mit den Hunden unterwegs sind, stelle ich immer wieder fest, wie toll die Heimat sein kann.
    Viele Grüße
    Martina

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    1. Liebe Martina,
      ich glaube, für Kinder gibt es nichts langweiligeres als spazieren gehen mit den Eltern… Ich habe dieses negative Einstellung dazu tatsächlich erst durch Bobby abgelegt und nun sehe ich „Heimat“ auch mit völlig anderen Augen. Wir können unseren Fellnasen echt dankbar sein 🙂

      Herzliche Grüße von Andrea

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  2. Lisa sagt:

    Hallo Andrea,
    das freut mich da riesig zu lesen, dass der Harz Dir gut gefällt mittlerweile! Ist je nach Standort auch völlig unterschiedlich – von dichtem Fichtenwald bis hin zu eher offenen Flächen mit Laubmischwald. Die althergebrachten Einkehrmöglichkeiten gehören doch irgendwie dazu;) Diese sind jedoch erfreulicherweise vielerorts um nette neue Läden ergänzt worden. Mit Hunden sieht man die Wegstrecken ohnehin in einem ganz anderen Licht. Bobby scheint sich ja überaus wohl zu fühlen!
    Viele Grüße aus dem verschneiten Harz;)
    Lisa

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    1. Liebe Lisa,

      tatsächlich finde ich auch Gefallen an den „althergebrachten Einkehrmöglichkeiten“ und mache mir sogar einen Spaß daraus, überall einen Windbeutel zu testen 😉 Aber ich frage mich, ob das die Touristen, um die der Harz wirbt auch so sehen? Wenn man ein paar Jahre in Österreich gelebt hat, dann wundert man sich einfach, dass der Harz so wenig aus sich macht. Gerade heute erlebt im (endlich) verschneiten Harz: Absolutes Verkehrschaos und Gedrängel an den „Hotspots“ wie Torfhaus. Andernorts war so gut wie nichts geräumt, selbst die Parkplätze nicht. Aber wie du sagst, mit Hund sieht man die Wegstrecken anders und für uns gibt es immer schöne einsame Wege, die für mich den Reiz des Harzes ausmachen.

      Viele liebe Grüße von Andrea

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      1. Lisa sagt:

        Hallo Andrea,
        einige suchen sicher nach Althergebrachtem, aber glaub mir: Es gibt so viele tolle Einkehrmöglichkeiten (Plumbohm’s in Bad Harzburg, Harzer Speisekammer in Buntenbock, das Soup & Soul Kitchen in Goslar, die Krone in Clausthal), die wirklich nix mit langweiligen Standard-Restaurationen am Hut haben. Vielleicht sollte ich diesen Schätzen eine eigene Reihe auf dem Blog gönnen.
        Ja, Richtung Torfhaus darf man dann auch nicht fahren;). Ist halt mal richtig Winter hier und Orte wie Clausthal und Hahnenklee sind aktuell noch nicht richtig geräumt. Vor allem ärgerlich für ältere Leute, Postboten und Lieferanten, die sich täglich durchkämpfen.
        Viele Grüße und ein schönes Wochenende!
        Lisa

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        1. Liebe Lisa,
          Plumbohm’s/ Cafe Aussichtsreich habe ich schon als echten Lichtblick entdeckt. Die anderen Restaurants sind schon notiert und werden bald besucht :-). Vielen Dank für die Tipps. Das ist eine super Idee mit der Blogreihe zu den Gastronomieschätzen im Harz. Freue mich darauf! Ja gerade an die älteren Leute habe ich auch gedacht, als wir in Altenau aufgrund von nicht geräumten Bürgersteigen auf der (sehr schlecht geräumten) Straße gehen mussten. Es ist wahrscheinlich leider ein Geldproblem.
          Bis bald und viele Grüße in meinen geliebten 😉 Harz!
          Andrea

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  3. Ein sehr schöner, aufschlussreicher und informativer Bericht über den Harz. Ich habe viel Neues erfahren, z.b. Baum- aber nicht Waldsterben, aber ich gestehe, der Harz ist ein Gebiet, das immer weit weg von uns lag. Früher als ich noch in Heilbronn wohnte und den Schwarzwald, die Schwäbische Alb in der Nähe hatte und jetzt, wo ich im Ruhrgebiet wohne und das Sauerland direkt vor der Nase habe.
    Vieles nimmt man ganz anders wahr, wenn man mal eine zeitlang weg ist. Weshalb auch heute mein Herz aufgeht, wenn ich in die Gegend um Heilbronn fahre und die Weinberge, die hügelige Landschaft vor mir sehe. Ein Grund für mich/uns, dem Ruhrgebiet bald den Rücken zu kehren…. Liebe Grüße, Sigrid

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    1. Liebe Sigrid,

      danke für deinen Kommentar und schön, dass du noch was gelernt hast 😉 Im Grunde genommen, hat ja jede Gegend seinen speziellen Reiz. Aber manchmal geht einem besonders das Herz auf. Ich freue mich für dich, dass du bald wieder in deiner „Herzensgegend“ wohnst und wünsche dir alles Gute für diesen Schritt!

      Liebe Grüße von Andrea

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      1. Danke Andrea! Heutzutage ist schon die Wohnungssuche ein Abenteuer – vor allem in Süddeutschland zwischen Stuttgart und Heilbronn. LG

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        1. Oh das kann ich mir gut vorstellen. Ist halt einfach eine wunderschöne und sehr beliebte Gegend 🙂

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  4. Andrea sagt:

    Liebe Namensschwester :-), den Harz liebe ich auch – umso mehr habe ich mich gefreut, ihn auch bei dir zu finden. Ich werde ja auch immer wieder mal den Harz posten 🙂 Liebe Grüße von Harz zu Harz 🙂

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    1. Liebe Andrea, ja auch ich freue mich bei dir über den Harz zu lesen. Dein Artikel vor Kurzem über die Teufelsmauer hat mir besonders gut gefallen. Da will ich auch unbedingt demnächst wieder hin. Viele Grüße auch 😉 von Andrea

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  5. Ruhrköpfe sagt:

    Hallo Andrea, danke für den kleinen Einblick und die tollen Fotos. Spannend, die Sache mit dem Borkenkäfer: Wurde dir auch erklärt, was bei einer zu großen Verbreitung des Käfers passiert? Wird es dann nicht kritisch für den gesamten Baumbestand? Viele liebe Grüße, Annette

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    1. Also, wie ich es verstanden habe, regeneriert sich die Natur von alleine. Es siedeln sich auch natürliche Feinde des Borkenkäfers wieder an, wie z.B. der Specht. Das ganze dauert halt ziemlich lange. Deswegen ist der Borkenkäfer eine Katastrophe für die Forstwirtschaft – für die Wiederherstellung von „Urwäldern“ irgendwie ein Segen. Ich hoffe, ich erzähle keinen Blödsinn hier – der Ranger möge es mir verzeihen 😉 Aber so ist es bei mir hängen geblieben. Freue mich über dein Interesse an meinen Artikeln!

      Liebe Grüße von Andrea

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  6. Ruhrköpfe sagt:

    Hallo Andrea, das klingt plausibel. Ich danke dir für die schnelle Antwort 🙂 Liebe Grüße, Annette

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  7. Kraulquappe sagt:

    Liebe Andrea,
    gerade hab ich entdeckt, dass mein Kommentar zu deinem tollen Harz-Artikel nicht rausging, sondern hängenblieb…
    Vielleicht hab ich einfach zu lang auf Bobby Gesicht gestarrt?
    Die Touren klingen erlebnisreich und interessant – und gegen Windbeutel ist überhaupt nichts einzuwenden (und wenn man ganz konzentriert auf den Teller guckt, sieht man auch die Spitzengardinen nicht mehr)!
    Weiter so!
    Liebe Grüße aus München von der Kraulquappe samt Dackel.

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    1. Ja, ich weiß, Bobbys Blick wirkt hypnotisierend 😉 Freut mich, dass dir mein Artikel gefällt. Irgendwann sieht man die Spitzengardine tatsächlich nicht mehr. Die gehört einfach zu einem Windbeutel dazu. Fällt eher auf, wenn sie fehlt….
      Liebe Grüße von Andrea

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  8. Maren sagt:

    Hallo Andrea,
    danke für den schönen Bericht über den Harz! Warst du schon mal im Südharz? Ich lebe im niedersächsischen Teil des Südharzes. Hier sind die Berge zwar leider nicht ganz so hoch, aber hier ist es abwechslungsreich. Berge, Mischwald, Teiche, Wiesen, Felder, ein einmaliges Gipskarstgebiet, etc. Es gibt die Hölle und das Himmelreich. Es gibt hier auch die Zwergenlöcher, die europaweit selten sind. Vielleicht habe ich dich neugierig gemacht.
    Viele Grüße
    von Maren

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  9. Liebe Maren, freut mich, dass dir mein Bericht gefällt. Im Südharz war ich erst einmal, in den „Dolomiten des Harzes“ bei Scharzfels: https://anwolf.wordpress.com/2016/03/15/wir-waren-in-den-dolomiten-im-harz/ . Eine wunderschöne Gegend mit vielen Überraschungen, von denen der Südharz anscheinend viele hat. Du hast mich mit deinem Kommentar tatsächlich daran erinnert, dass ich UNBEDINGT bald wieder den Südharz besuchen muss. Vielen Dank für die Inspiration!
    Viele Grüße von Andrea

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    1. Maren sagt:

      Schön, daß ich dich „inspiriert“ habe! Dann bin ich mal gespannt.
      Viele Grüße
      Maren

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  10. Tim sagt:

    Hi, eine wirklich toller Artikel über den Harz. Ich habe lange im sog. Harzvorland gewohnt und war über Ostern mal wieder da. Wir hatten eine fantastische Sicht auf den Brocken :-D. Dein früher angespanntes Verhältnis zum Harz kann ich auch verstehen. Irgendwie war erschien mir diese Gegend lange ein bisschen tot zu sein, aber sie hat sich in den letzten Jahren wirklich rapide entwickelt und ist jetzt das, was ich persönlich einen Geheimtipp nennen würde (obwohl ich das Wort eigentlich nicht mag).

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