Au revoir 2020! Eine Reise in die Bretagne. [Teil 2]

Ich möchte kleinere Schritte gehen, anfallende Aufgaben eine nach der anderen abarbeiten und mich allem mit mehr Ruhe widmen. (Selbst-) Zweifel lähmen. Ich werde die Ungerechtigkeiten in unserer Gesellschaft nicht beheben können. Auch wird kein Einzelner den Klimawandel aufhalten oder Kriege verhindern können. Aber deswegen zu verzweifeln, hilflos auf die Verantwortung anderer verweisen oder gänzlich den Kopf in den Sand stecken, kann nicht der Weg sein. Jeder kann etwas tun. Jeder kann etwas verändern. Jeder kann die Welt ein wenig besser machen. Es lohnt sich bestimmt.

aus: Salut 2020! Eine Reise in die Bretagne. [Teil 1].

Das waren meine Gedanken und Wünsche für das Jahr 2020 als ich gerade aus der Bretagne kam, wo wir den Jahreswechsel 2019/2020 verbrachten. Wie sehr mich das folgende Jahr, das nun fast hinter uns liegt, zu genau diesen „kleinen Schritten“ zwingen würde, davon ahnte ich damals noch nichts.

Neujahrsspaziergang 2020 am Strand von Erdeven: Heute noch nicht an morgen denken

Jede Menge Stress von der Arbeit, das Gefühl von Getriebenheit durch permanenten Zeitdruck und auch Zweifel an der Reise selbst waren damals in Frankreich mit im Gepäck. Erst zum Neujahrstag, als unser zweiwöchiger Urlaub in der Bretagne fast zu Ende war, begann ich die innere Ruhe zu finden, so dass die wunderschöne Umgebung rund um das hübsche Hafenstädtchen La Trinité-sur-Mer – zwischen dem Golfe de Morbihan und der Côte Sauvage von Quiberon – nicht nur meine Augen, sondern auch mein Herz erreichen konnte.

Ob ich vielleicht nicht so viel Zeit mit Hadern vergeudet hätte, wenn ich gewusst hätte, dass diese Reise die letzte in dieser Länge und auch in dieser Unbeschwertheit für das gesamte folgende Jahr sein würde? Am ersten Tag des Jahres 2020 gingen wir über die riesigen Strände von Erdeven, fasziniert von der Weite und der beeindruckenden Stimmung durch den Wechsel zwischen Sonne und Wolken. Die überwältigende Natur ließ keinen Platz mehr für Gedanken an Vergangenes und Zukünftiges. Ich beschloss, für die verbleibenden Urlaubstage nicht an morgen und nicht an die nahende Abreise zu denken.

Südbretagne: Gezeiten und Austern am Ria d‘Étel

Wir ließen uns vom Strand aus in Richtung der Ortschaft Étel treiben, entlang des Ria d’Étel, der wie auch der Golfe de Morbihan kein Fluss, kein See, kein Meeresarm aber von allem ein bisschen ist (siehe Reise Know-How: Bretagne). Wenn sich die Wassermassen mit der Flut durch die 300 Meter schmale Engstelle an der Mündung schieben, sollen sich die Wellen auch bei wenig Wind teilweise meterhoch und gefährlich für die Schifffahrt auftürmen. Heute lag die See beinahe glatt da. Aber am Horizont zog eine schwarze Wolkenwand auf. Die Landschaft davor, die Boote und die Häuser lagen im strahlenden Sonnenschein und alles leuchtete ganz besonders bunt und hell vor den dunklen Wolken. Ein einziges Bistro in Étel hatte an diesem Neujahrstag geöffnet. Es war Nachmittag und es gab wie üblich zu dieser Tageszeit in Frankreich nichts zu essen – ausgenommen Austern, die gibt es hier immer und überall. Wie alle anderen bestellten auch wir uns Austern, die ich nirgendwo anders mögen und essen würde als hier in Frankreich am Meer, wo sie so selbstverständlich und unspektakulär sind wie bei uns in Deutschland vielleicht die Portion Pommes oder das Wiener Würstchen.

Zwischen Land und Wasser am Golf von Morbihan: mittelalterliches Vannes, Wasserschloss Chateau Suscinio und steinzeitliche Meagalitkultur bei Locmariaquer

Das Wetter in den ersten Tagen des neuen Jahres war unbeständig angesagt. Aber ich versuchte mich nicht zu stressen, die Ausflüge optimal und effektiv (Strandausflüge bei Sonne und Stadtausflüge bei Regen) zu planen. Wir verschwendeten keine Zeit mehr mit überflüssigen „Wenns“ und „Abers“ und fuhren einfach drauf los. So erkundeten wir die mittelalterliche Stadt Vannes, das Wasserschloss Suscinio und die berühmten steinzeitlichen Megalith-Bauten in Locmariaquer – alles in der Gegend rund um den Golf von Morbihan, ein Binnenmeer, das sich mit seinen unzähligen Buchten und Inseln auf über 11.500 ha erstreckt. Immer wieder mussten wir kurz überlegen, ob wir nun gerade am „echten Meer“, dem atlantischen Ozean, sind oder am „kleinen Meer“, dem Golf von Morbihan – Insel oder Landzunge, Fluss oder Meeresarm – Land und Wasser vereinen sich hier zu einer faszinierenden Landschaft.

Der größte bekannte Menhir der Welt in Locmariaquer ist in zwei Teile zerbrochen: 21 Meter hoch und 280 Tonnen schwer

Traumstrand Plage de la Mine d’Or: Kein Wetter ist schlecht genug für einen Strandspaziergang

Irgendwo hatte ich aufgeschnappt, dass der Plage de la Mine d’Or mit seiner rot leuchtenden Steilküste zu den schönsten Stränden der Bretagne zählen soll. Ich weiß, dass solche Aussagen immer subjektiv und eher reißerisch sind. Aber ich kann nicht anders, als mich davon beeinflussen zu lassen. Und weil wir gerade „in der Nähe“ waren, fuhren wir in den südlichsten Zipfel der Bretagne. Es regnete während der gesamten Fahrt. Aber als wir am Parkplatz aus dem Auto stiegen, wurde es heller und als wir am Strand ankamen, brach die Sonne durch. Kurz leuchteten die roten Sandsteinklippen in der Sonne.

Dann zogen wieder Wolken auf. Wir hatten eine kleine Flasche Cidre mitgebracht, mit der wir an unserem letzten Urlaubstag noch einmal auf das neue Jahr anstoßen wollten. Wir überlegten, schnell zum Auto zurück zu gehen, da es nun immer dunkler wurde. Aber dann erinnerte ich mich an mein Vorhaben: Heute noch nicht an morgen denken oder jetzt noch nicht an gleich denken. Noch regnete es nicht. Wir setzten uns in den Sand, kuschelten uns zusammen, schauten aufs Meer und tranken den Cidre bis es anfing zu regnen. Dann brachen wir auf. Dichter Nebel zog jetzt auch über den Strand, auf dem trotzdem einige Menschen spazieren gingen, alle bestens ausgestattet mit Gummistiefeln und festen Regenmänteln oder Regenschirmen. Das kann man von den Bretonen lernen: Kein Wetter ist schlecht genug für einen Strandspaziergang.

Das Jahr 2020: Sehnsüchte und Widersprüche

Eigentlich wollte ich einen Jahresrückblick schreiben. Nun bin ich bei meinem letzten Urlaub, mit dem für mich das Jahr 2020 begann, hängen geblieben. Dieses Jahr hat viele Herausforderungen geboten, um mich in meinen Vorhaben für 2020 zu üben, kleinere Schritte zu gehen, nicht über Ungerechtigkeiten zu verzweifeln oder gar in dem Gefühl von Hilflosigkeit untätig zu verharren. Am Anfang der Covid-19-Pandemie habe ich noch an die eigenen Durchhalteparolen wie: „Das sitzen wir aus“ oder „Lass uns das Beste draus machen“ geglaubt. Wie auf einer schlechten Party, wo man der Höflichkeit wegen bleibt. Im Sommer schien es sogar so als hätten wir die ganze Sache ganz gut „durchtaucht“. Spätestens seit der „zweiten Welle“, die merkwürdigerweise für viele (auch mich) ganz überraschend kam, taugen für mich solche Sprüche nicht mehr.

Denn das Leben muss auch unter diesen Ausnahmebedingungen irgendwie „ganz normal“ weiter gehen. Ich habe beruflich viel mit Ämtern und Behörden zu tun. Wie oft muss ich mir seit Monaten beinahe vorwurfsvoll am Telefon anhören, dass dies und das gerade nicht geht, da derjenige sich gerade im Homeoffice befindet, keinen Zugriff auf die Akten hat und auch nicht weiß, wer sonst noch zuständig ist oder dass man wegen „Corona“ sowieso gar nicht mehr hinterherkäme mit der ganzen Arbeit und dass ganz bestimmt nicht pünktlich mit dem Bescheid oder Beschluss zu rechnen sei. Ich kann die Ausrede: Corona-Pandemie nicht mehr hören. Auch die Diskussion darüber, wer am schlimmsten betroffen ist oder gar, wer überhaupt ein Recht zum Jammern hat, bin ich leid.

Die Corona-Pandemie ist wie das Leben nicht gerecht. Und jeder ist auf seine Art davon betroffen. Gerade denke ich an meinen Vater. Er ist zu Weihnachten gestürzt. Nun liegt er im Krankenhaus. Dort herrscht absolutes Besuchsverbot. „Die Situation möchten Sie nicht haben, damit Sie ihren Vater besuchen können“, sagte der Pfleger am Telefon zu mir. Ich hatte die einzige Ausnahme des Besuchsverbotes vorher auf der Internetseite gelesen: Vom Besuchsverbot ausgenommen sind Palliativ-Patienten. Ja, es geht immer noch schlimmer. Ich mache mir Sorgen um meinen Vater. Die Operation sei gut verlaufen. Aber er klingt so hoffnungslos am Telefon. Wie wichtig wäre es, ihn vor Ort zu motivieren und zu mobilisieren. Nun müssen wir vertrauen, dass dies bestmöglich ohne uns im Krankenhaus geschieht. Und klar, wenn ich das Gedrängel auf den Rodelhängen bei zwei Zentimeter Schnee im Harz sehe oder von Zusammenkünften höre, nach dem Motto: Wieso? Ich lass mir nichts verbieten! – dann werde ich sauer. Aber ich versuche mich zurückzunehmen und an meinen Vorsatz für 2020 zu denken: Die kleinen Schritte gehen. Dann schiebe ich so gut es geht die destruktiven Gedanken beiseite, konzentriere mich auf die wirklich wichtigen Dinge, nehme all meine Zuversicht hier und heute zusammen und übertrage hoffentlich ein klein wenig davon über das Telefon auf meinen Vater.

Heimreise aus der Bretagne: Verdun

Auf der Rückreise von der Bretagne haben wir eine Übernachtung in Verdun eingelegt. Wenn man nach Frankreich reist wird man unweigerlich immer wieder mit der dunklen Seite der deutschen Geschichte konfrontiert. Bereits während unserer Reise im Sommer 2019 in die Normandie, 75 Jahre nach der Landung der Alliierten in der Normandie, die das Ende des 2.Weltkriegs eingeläutet hatte, konnten wir viel über die deutsch-französische Geschichte und den Umgang der Franzosen mit Gedenken und Versöhnung lernen.

In dem kleinen, sehr familiär geführten und ein wenig skurrilen Hotel, das wir für die eine Nacht in Verdun gebucht hatten, lag auf meinem Nachttisch ein Heftchen mit Tagebucheinträgen von jeweils einem deutschen, englischen, französischen und belgischen Soldaten über eine Weihnachtsnacht während des 1. Weltkriegs. Jemand stimmte an der Frontlinie Weihnachtslieder an. Kerzen standen auf den Schützengräben. Es wurde sich zugewunken, miteinander gesprochen und Lebensmittel ausgetauscht. Ein paar Soldaten sollen sogar Fußball gespielt haben. Am nächsten Tag wurde wieder aufeinander geschossen.

Wir besichtigten das Memorial de Verdun. Ein Ort an dem hunderttausende Soldaten auf wenigen hundert Quadratmetern in einem beinahe ein Jahr dauernden Stellungskrieg gefallen sind. Absurd. Unfassbar. Krieg.

Immer wieder muss ich an die Geschichten der Soldaten denken – gerade jetzt zu Weihnachten, wo besonders betont wurde, dass dieses Weihnachten leider nicht so sein kann, wie wir das gewohnt sind. Ja, das Leben ist widersprüchlich und gerne halten wir an Gewohnheiten fest. Aber ich glaube immer noch daran, dass jeder in jeder Situation etwas tun kann, um die Welt ein wenig besser zu machen, mit kleinen Schritten. Und wenn es das Anstimmen eines Weihnachtsliedes ist.

Für 2021

Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünscht für diese Welt.

(Gandhi)


12 Gedanken zu “Au revoir 2020! Eine Reise in die Bretagne. [Teil 2]

  1. Dein Bericht weckt Sehnsucht und Erinnerungen zugleich. Es ist auch ein nie mehr darin enthalten, ich werde alleine nicht mehr dorthin fahren. Danke für die Bilder. Und alles Gute für das nächste Jahr. Ich hoffe auf neue Reiseberichte.

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  2. Einer meiner Lebens-Leitsprüche 🙂 Ich wünsche Dir auch alles Gute und einen Rutsch in ein besseres 2021! Und für Deinen Vater, dass er schnell wieder auf die Beine kommt und er wieder bei Euch sein kann.
    Ich denke, man sollte sich gerade jetzt sehr stark auf das konzentrieren, was man hat und nicht, was man gerade nicht hat. Dankbarkeit trotz der Umstände und die Akzeptanz Veränderungen anzunehmen finde ich dabei sehr hilfreich. LG Simone

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    1. Vielen Dank, liebe Simone. Und du hast völlig recht. Man muss aufpassen, dass man sich nicht in den ganzen Schreckensmeldungen verliert, sondern sollte sich auf die wirklich wichtigen Dinge konzentrieren. Der Spruch hat mir gerade in diesem Jahr immer wieder dabei geholfen 🙂 Ganz liebe Grüße und komm du auch gut ins neue Jahr! Andrea

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