Die Schlei – noch schöner als im Fernsehen?

Heute ist das Wetter besonders miserabel. Von Kappeln aus, wo die Ostsee nicht mehr weit ist, bin ich an der Schlei entlang nach Sieseby gefahren. Diese Ortschaft steht wegen der vielen Reetdachhäuser komplett unter Denkmalschutz und soll wirklich sehenswert sein. Aber nun prasselt der Regen auf mein Auto und während ich auf eine Wetterbesserung warte, frage ich mich, was mich hierher verschlagen hatte. Eigentlich war alles ganz anders geplant. Aber wer hat in diesem Jahr nicht mindestens eine Geschichte zu erzählen, die mit „eigentlich… “ beginnt?

Die Schlei

Noch einmal (oder einmal noch?) an die Schlei

Eigentlich sollte dies ein Familienurlaub mit meinen Eltern sein. Es war irgendwann im Spätsommer in diesem Jahr, als Corona durch verschwindend geringe Infektionszahlen weit weg und die alte Normalität wieder zum Greifen nahe schien, als ich mit meinen Eltern zusammensaß und mein Vater (mal wieder) von der Region rund um die Schlei (ein Meeresarm oder ein Binnenmeer?) an der Ostsee schwärmte, wo die beiden vor vielen Jahren mit dem Fahrrad unterwegs waren. Er sprach von Orten wie Sieseby bei Rieseby, von einem Wikingerdorf mit Moorleichen und auch von der kleinsten Stadt Deutschlands. Er zeigte mir einen Zeitungsartikel über die Schlei, der mit „Noch schöner als im Fernsehen“ titelte. Das war eine Anspielung auf eine TV-Serie, die in dem Landstrich zwischen Schlei, Schleswig, Flensburg und Ostsee gedreht wird. Noch ein Geheimtipp, aber mit dem Potential, das „neue Sylt“ zu werden, las ich in dem Artikel. Mein Vater warf die Frage auf, ob wir da nicht mal gemeinsam hinfahren wollten.

Noch schöner als im Fernsehen?

Meine Eltern reisen schon länger nicht mehr. Zu anstrengend ist mittlerweile gerade für meine Mutter (die immer sehr glücklich und auch ein wenig stolz erzählt, dass sie ihr Leben lang nicht einen einzigen Urlaubstag zu Hause verbracht hätten), schon der Gedanke daran, an einem anderen Ort zu sein. Aber auch zu Hause ist es für die beiden anstrengend geworden. Dieses seltsame Jahr 2020 hat seinen Spuren hinterlassen. Für viele Missstände unserer Gesellschaft ist Corona wie ein Brennglas, sagt man ja. Und für viele Menschen (gerade für die schwächeren und labileren) wirkt Corona wie ein Brandbeschleuniger, beobachte ich. Meine Eltern sind nicht mehr in der Lage, sich auf eine „neue Normalität“ einzustellen. Die Aktivitäten sind deutlich weniger geworden, ebenso wie die sozialen Kontakte. Die allgemeine Alltagsbewältigung unter Corona-Bedingungen wird zunehmend zur Herausforderung. Ich merke, wie meinen Eltern die Kraft für all das ausgeht.

Fast wie am Meer an der Schlei

Vielleicht etwas zu aktionistisch, aber vor allem in der Hoffnung, dass meine Eltern durch einen gemeinsamen Urlaub etwas Leichtigkeit erleben und Energie tanken könnten, buchte ich kurzerhand in Kappeln an der Schlei zwei Hotelzimmer für meine Eltern und eine Ferienwohnung für Bobby und mich zum nächstmöglichen Termin. Aus dem gemeinsamen Urlaub ist nichts geworden. Schon dagewesene gesundheitliche Probleme traten bei meinen Eltern wieder in den Vordergrund und neue kamen hinzu. Es lag nicht direkt an Corona aber indirekt dann doch. Meine Mutter bestand darauf, dass ich trotzdem fahren solle. „Dann kannst du uns berichten, ob es dort schöner als im Fernsehen ist,“ sagte sie augenzwinkernd. Und das wollte ich gerne tun, denn ich war zwar schon fast überall an der Schleswig-Holsteinischen Ostseeküste, aber die Region rund um die Schlei kannte ich tatsächlich noch nicht.

Kappeln an der Schlei (aber eben nicht am Meer)

Seit drei Tagen bin ich nun in Kappeln. Von der Ferienwohnung blicke ich auf die Klappbrücke, die sich einmal in der Stunde für die wartende Schiffe hebt. Unsere Morgengassirunde machen wir am Ufer der Schlei, unter goldenem Herbstlaub, vorbei am Museumshafen.

Es ist schön, am Wasser entlang zu gehen, aber es ist halt nicht das Meer. Wahrscheinlich wäre ich nie hierhergefahren, wenn ich für mich allein entschieden hätte. Dann hätte ich mich irgendwo an der Ostseeküste einquartiert, am besten mit Blick auf das Meer, so wie ich das gerne und regelmäßig am liebsten im Winter tue. Es ist nicht weit bis an die Küste, aber erst mal bin ich hier, um die Schlei zu erkunden.

Arnis – ein riesen Kompliment für Bobby in der kleinsten Stadt Deutschlands

So bin ich gestern mit Bobby von Kappeln aus bis nach Arnis, in die kleinste Stadt Deutschlands gewandert. Herrlich kann man das Örtchen umrunden, teils auf einem kleinen Wanderpfad entlang von kleinen Häusern mit hübschen Gärten, dann vorbei an einer großen Werft bis zum örtlichen Strand und immer mit Blick auf die Schlei.

Es regnete zwar nicht, aber es wehte ein kalter Wind und ich war froh, dass das Restaurant Strandhalle aufhatte und auch Hunde dort willkommen sind. Ich musste am Tresen bestellen. Während ich ausgiebig die Speise- und Getränkearte studierte, wartete Bobby am Tisch. Der Kellner war hellauf begeistert: „So einen braven Hund hatten wir hier schon lange nicht mehr!“ Bobby saß wie angewurzelt auf seinem Platz und schaute mit seinen treuesten Augen und seinem sehnsuchtsvollsten Blick zu uns herüber. Ich genoss das Kompliment und erwähnte besser nicht, dass das Pflaster an meiner Hand einen tiefen Cut verdeckt, der von dem Leinenruck heute Morgen stammt, als Bobby völlig aufgebracht nach vorne schoss, weil ihn ein anderer Hund einen Moment zu lange angeglotzt hatte.

Das Herz und den Magen gewärmt ging es (tatsächlich für einen kurzen Moment bei Sonnenschein) auf der kleinen Fähre ans andere Ufer der Schlei und dann auf langen (und langweiligen) kombinierten Rad-/ Fußwegen, meist direkt neben der Straße schier unendlich weit zurück nach Kappeln. Die Schlei ist kein Wandergebiet. Soviel kann ich jetzt schon sagen. Echte Wanderwege, direkt am Ufer entlang, habe ich bis noch nicht finden können. Meist gibt es Stichstraßen zur Schlei und dann kann man ein paar hundert Meter am Wasser entlangspazieren. Mit dem Fahrrad ist man hier auf jeden Fall besser unterwegs als zu Fuß. So haben auch meine Eltern die Region begeistert für sich entdeckt.

Gallionsfigur Bobby auf großer Fahrt mit der Fähre über die Schlei

Maasholm – Fischbrötchen mit Aussicht

Gleich am ersten Tag war ich in Maasholm. Das liegt kurz vor der Schleimünde beinahe an der Ostsee. Ich hatte Lust auf ein Fischbrötchen. Und die sollen in Maasholm beim Imbiss der Fischräucherei Peters besonders gut sein, las ich in dem bereits erwähnten Zeitungsartikel. Und der Ausflug hat sich wirklich gelohnt. Ich bekam mein heiß ersehntes Matjesbrötchen und Bobby sogar eine Fischfrikadelle geschenkt. Als wir uns auf einer Bank direkt am Wasser niederließen, schob der Wind die Wolken beiseite. Wir blinzelten über das Wasser in die Sonne während wir die Köstlichkeiten verspeisten. Schön ist es an der Schlei, fast wie am Meer.

Am Meer – irgendwo zwischen Pottloch, Düttebüll und Haffkoppel

Aber fast am Meer ist eben nicht ganz am Meer. Deswegen machte ich auf dem Rückweg von Maasholm nach Kappeln einen kleinen Schlenker, dann folgte ich einem Schild „zum Strand“ und so landete ich irgendwo zwischen Pottloch, Düttebüll und Haffkoppel auf einem einsamen Parkplatz am Meer. Vor uns lag ein schier unendlich weiter Strand. Ob Hunde dort erlaubt sind? Das interessierte keinen, da niemand da war. Bobby war außer Rand und Band und ich schaute ihm dabei zu und auf die Ostsee bis rüber nach Dänemark. Wunderbar.

Sieseby – um die Ecke von Knieseby bei Rieseby 

Das Wetter ist seit meiner Ankunft in Kappeln jeden Tag schlechter geworden. Seit heute früh regnet es und es sieht nicht danach aus, dass es bald aufhören würde. Also steige ich hier in Sieseby (bei Rieseby und um die Ecke von Knieseby) aus dem Auto. Draußen ist der Regen gar nicht so stark, wie es sich im Auto anhörte. In dem kleinen Dörfchen traf ich erstaunlicherweise einige Menschen und ich werde von jedem mit einem freundlichen „Moin“ gegrüßt. Das liebe ich hier. Sofort fühle ich mich besser. Der Regen ist sogar so schwach, dass ich meine Kamera herausholen kann.

Reetdachhäuser in Sieseby
Einen ganz kleinen Strand haben wir auch in Sieseby gefunden.
Tolle Stimmung auch bei Regen an der Schlei in Sieseby

Mir gefällt die leicht mystische Stimmung an der Schlei bei Regen. Ich habe diese TV-Serie noch nie gesehen, aber gerade bin ich mir sicher, dass die Schlei ganz bestimmt viel schöner als im Fernsehen ist. Und wenn ich daran denke, wie sich die Coronalage zurzeit wieder zuspitzt, bin ich wirklich dankbar, hier sein zu dürfen – scheinbar fernab von alledem, zumindest für den Moment.

Ja, man sollte sich manchmal (ich finde sogar öfter mal) einfach nur auf eine Bank am Ufer setzten.

Auf dem Rückweg nehme ich vom Hofcafé im Gut Stubbe noch zwei Stück Torte mit. Wolfgang ist auf dem Weg nach Kappeln. Und ab morgen soll sich das Wetter bessern. Dann geht es an die Küste: Flensburger Förde, Geltinger Birk und Schleimünde sind geplant. Denn an der Schlei ist es ganz bestimmt schöner als im Fernsehen, aber am Meer ist es doch am schönsten, oder hat das womöglich gar nichts miteinander zu tun?! 


14 Gedanken zu “Die Schlei – noch schöner als im Fernsehen?

      1. Wir wohnen in Schleswig. Uns hat es wirklich gut getroffen, kurz zur Ostsee, Nordsee und Dänemark sind auch nicht weit. 😀

        Gut ausgeschilderte Wanderwege gibt es in den Hüttener Bergen, zudem sind die Steilküsten bei Waabs und Schönhagen sehr zu empfehlen.
        LG Anja und Charly 🙋🏻‍♀️🐶

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        1. Ah ja, danke, das liegt ja fast auch an der Nordsee 😉 Die Hüttener Berge hatte ich auch schon öfters auf meiner Liste (bin ja häufiger in Laboe). Aber irgendwie zieht es mich immer ans Meer, wenn ich hier bin. Waabs wollen wir wahrscheinlich auf dem Rückweg besuchen👍 Danke für die Tipps!!

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  1. Auch wenn die Schlei kein Wandergebiet ist, gut für fantastisch schöne Fotos ist sie allemal – wie man hier sieht! Und ich finde, es muss nicht immer Meer sein, Wasser tut es auch. Herzliche Grüße von der Nordsee
    Ulrike

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  2. Eine weise Entscheidung, dass du dir diese Zeit gegönnt hast und Energie tanken konntest. Meinen Eltern geht es ähnlich und die Perspektivlosigkeit macht sie schwermütig, obwohl sie als Nachkriegsgeneration schon viel schwereres durchlebt haben. Aber die Kraft ist nicht unendlich. Alles Liebe zu euch.

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    1. Vielen Dank, liebe Erika, für deine mitfühlenden Worte! Ja, schwermütig trifft die Stimmungslage gut. Ich werde weiterhin versuchen, meine Eltern so oft es geht aus dem Alltag rauszuholen, wenigstens kleine Ausflüge mit ihnen machen und so vielleicht ein wenig dazu beitragen, dass sie ihre Sorgen mal vergessen können. Alles Gute Dir und deinen Eltern von Andrea

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  3. Diesen Beitrag habe ich schon mal kommentiert und leider konnte ich ihn nicht posten …. warum auch immer (mit dem Smartphone). Diese Gegend, die du da so schön in Worten und Bildern eingefangen ist, kenne ich überhaupt nicht. Zu weit ist das von uns weg oder wir haben keine Lust so weit in den Norden zu reisen. Aber schön, dass wir hier mitgenommen werden ….. Was deine Eltern angeht so verstehe ich deren Stimmung gut. Für uns „Alte“ ist die Corona Zeit und deren Einschränkungen richtig blöd, wo wir doch jetzt Zeit hätten überallhin zu reisen und nichts geht mehr und wir denken auch schon, ob wir noch mal so ganz unbeschwert unser Rentnerdasein genießen können. Schlimm ist, dass wir soziale Kontakte mit unseren Freunden sehr einschränken müssen und gesellige Treffen mit anderen jetzt gut durchdacht und geplant werden müssen. Im März werde ich zum ersten Mal Oma . So richtig kann ich mich noch gar nicht freuen, zu viele Sorgen mache ich mir um die werdenden Eltern …. Aber ich bin grundsätzlich ein optimistischer Mensch und versuche positiv zu denken. Wer das nicht mehr hinkriegt, der hat eigentlich schon verloren und wird zu schwermütig. Eine gute Woche und bleib gesund, lg Sigrid

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    1. Liebe Sigrid, ich freue mich sehr über deinen Kommentar und dass du dir nochmal die Mühe gemacht hast, ihn ein zweites Mal zu schreiben. Mir passiert das auch öfters, dass es mit dem kommentieren vom Handy aus nicht klappt. Habe keine Ahnung, woran das liegen könnte. Das ist ja toll, dass du Oma wirst! Ich kann jedoch deine Sorgen um deine Familie auch nachvollziehen. Diese ganze Situation derzeit, lässt uns alle sensibler und dünnhäutiger werden, habe ich den Eindruck. Aber du hast völlig recht, man muss irgendwie versuchen, das beste draus zu machen und positiv zu denken. Zum Glück gelingt mir das auch immer noch ganz gut. In diesem Sinne grüße ich dich herzlich und bleib gesund! Andrea

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      1. Danke Andrea für deine Antwort 😀 Jammern hilft ja nichts. Ich habe gelernt mit schwierigen Situationen umzugehen. Und Corona gehört dazu. Außer sehr vorsichtig zu sein kann man ja nichts machen und mich zu Hause verschanzen ist auch keine Lösung. Das Leben ist endlich- so oder so 😉

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